"Die Giovanni Zarrella Show": Wie Silbereisen, nur besser

Ein neuer Sheriff ist in der Stadt: In der zweiten Ausgabe seiner eigenen Show macht Giovanni Zarrella am Samstagabend dem bisherigen Platzhirschen im Schlagerwald, Florian Silbereisen, mächtig Konkurrenz. Und auch wenn nicht alles so geschmiert und poliert läuft wie bei Silbereisen, hat Zarrella doch eine große Stärke: sich selbst.

Eine Kritikvon Christian Vock

Diese Kritik stellt die Sicht des Autors dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

Es ist ungefähr Viertel vor neun, da erinnert sich Giovanni Zarrella beim Gespräch mit Angelo Kelly daran, dass er nur wenige Tage zuvor das 20-jährige Jubiläum seiner ehemaligen Band Bro’sis gefeiert hat. Er sendet einen kurzen Gruß an seine einstigen Kollegen und redet dann weiter. Doch so lapidar ist dieser Moment gar nicht, denn der Weg, den Zarrella in diesen 20 Jahren zurückgelegt hat, ist der berühmte lange.

2001 hat Zarrella an der zweiten Staffel der Casting-Show „Popstars“ teilgenommen. Seitdem kamen noch neun weitere Staffeln dazu, aber von all den Bands hat man – die No Angels mal ausgenommen – nicht mehr viel gehört und auch die meisten ihrer Mitglieder sind in der Versenkung der öffentlichen Wahrnehmung verschwunden. Zarrella nicht.

Er war eigentlich immer irgendwie da, mal mehr, mal weniger. Es war zwar nicht alles Gold, was er in diesen 20 Jahren gemacht hat und geglänzt hat auch nicht alles, aber so richtigen Mist hat Zarrella eben auch nicht gemacht. Vor allem aber: Er ist dabei immer sympathisch geblieben. Auch das schaffen nicht alle.

Nun also hat ihn sein Weg zur eigenen „Die Giovanni Zarrella Show“ am Samstagabend im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geführt, in der er die Großen der Schlager- und Popbranche begrüßt. So was schafft man nicht, wenn man nichts drauf hat und vor allem: So was macht eigentlich entweder der Florian Silbereisen oder der Silbereisen, Florian. Und auch, wenn es nicht ganz fair ist, wird Zarrella diesen Vergleich über sich ergehen lassen müssen.

Giovanni Zarrella: „Ich mach was Gutes draus“

Glaubt man der Ankündigung auf der ZDF-Webseite, muss Zarrella diesen Vergleich auch gar nicht scheuen – zumindest auf dem Papier: „Nach der mit Spannung erwarteten Premiere im September 2021 können sich Zuschauerinnen und Zuschauer erneut auf viele Überraschungen, Emotionen, TV-Premieren und starke Live-Momente freuen.

Mit dabei sind unter anderem Michelle, Ben Zucker, Maite Kelly, Ute Freudenberg, Semino Rossi, Angelo Kelly & Family, Max Giesinger, Kerstin Ott, Marie Reim, Sarah Zucker sowie Santiano.

Es dürfte also sehr verwundern, wenn bei all den Profi-Emotionsweckern, die Zarrella am Samstagabend ans Mikrofon gebeten hat, nicht ein paar dieser Überraschungen, Emotionen, TV-Premieren und starken Live-Momente abfallen würden. Dafür greift Zarrella gleich zum Einstand auch selbst zum Mikro und nach ein paar Minuten hat er das Publikum in der Halle in München in der Hand, das ihn mit rhythmischem Standklatschen begrüßt. „Nehmen Sie sich Zeit und legen Sie sie in meine Hände, ich mach was Gutes draus“, verspricht Zarrella und man muss kein Schlagerfan sein, um zu sagen: Das hat er auch gemacht.

Denn natürlich hat Zarrella nicht die Moderationserfahrung und damit auch nicht die Routine eines Florian Silbereisen, wie auch. Das merkt man auch ab und zu, wenn es mal ein bisschen im Redefluss stockt, wenn das Timing bei der Ankündigung seiner Gäste nicht stimmt oder wenn er die Familie von Angelo Kelly Dinge fragt, die sie Sekunden zuvor erzählt hat. An anderer Stelle wiederum läuft es flüssiger als nötig, denn Zarrella zieht die Show ohne große Einlagen wie Spielchen oder vorbereitete Sketche zwischen den Künstlern durch.

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„Die Giovanni Zarrella Show“: Authentizität schlägt Pathos

Ist das schlimm? Nein. Ganz im Gegenteil. Denn dadurch fehlt der „Giovanni Zarrella Show“ auch dieses Aufgesetzte, diese durchchoreografierte Spontaneität, die viele Schlagershows viel zu oft austauschbar macht.

Das heißt nicht, dass sich Zarrella nicht auch mal am Phrasenschatz solcher Shows bedient. So kündigt er einen zweiten Auftritt von Semino Rossi mit „Wenn sie sich jetzt denken: Heißer geht’s nicht, dann warten sie ab!“ an und man kann sich fast sicher sein, dass das niemand gedacht hat, noch nicht einmal Semino Rossi.

Und natürlich hat auch Giovanni Zarrella nur die wärmsten und herzlichsten Wort für seine Gäste parat. Aber erstens gehört sich das als Gastgeber so, zweitens gehört sich das für so eine Show, in der die heile Welt zu Hause ist, und drittens: Man nimmt es ihm ab. Denn wo bei Silbereisen alles mit einer Spur zu viel Pathos und Krawumms überzogen ist, gibt es bei Zarrella die berühmte Authentizität.

Max Giesinger über Zarrella: „Ein Herz von einem Mann“

Man hat nie das Gefühl, dass er es nicht ernst meint, wenn er sich über einen Gast besonders freut und die Gäste geben ihm dieses Gefühl offenbar zurück: „Wir haben uns direkt ins Herz geschlossen. Ein Herz von einem Mann“, erzählt beispielsweise Sänger Max Giesinger über sein erstes Treffen mit Zarrella.

Dass Max Giesinger das überhaupt sagen kann, liegt daran, dass Zarrella nach jedem Auftritt mit dem jeweiligen Künstler oder der jeweiligen Künstlerin noch ein bisschen auf dem Sofa sitzt und plaudert. Das nimmt die Geschwindigkeit aus der Veranstaltung, so dass nicht einer nach dem anderen abgefrühstückt wird.

Zwar darf dann auch jeder Künstler sein neues Album oder seine neue Tour erwähnen und ja, das nervt mit der Zeit. Dafür gibt es aber auch rührende Momente, wenn etwa Ute Freudenberg erzählt, wie sie nach der Wende ein wenig verunsichert für ein Konzert in ihre Heimatstadt Weimar zurückgekehrt ist und alle Zuschauer vor Freude geweint haben.

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„Die Giovanni Zarrella Show“ oder: Nicht jeder Latino ist feurig

Ja, Zarrellas Stärke liegt in der Echtheit dessen, was er da macht und da gehört es dazu, dass der Sohn italienischer Einwanderer die Hits seiner Gäste in einer italienischen Coverversion singt. Das macht er zugegebenermaßen ein bisschen zu oft, aber wie er lachend selbst feststellt: „Das ist meine Masche.“ Was dem Silbereisen seine Steirische Harmonika, sind dem Zarrella eben italo-deutsche Coverversionen. Es gibt wesentlich schlimmere Maschen.

Nur der Moment, in dem der Argentinier Semino Rossi bei seinem erwähnten zweiten Auftritt ohne Krawatte auf die Bühne kommt, gerät weniger feurig, als es Zarrella angekündigt hat. Auch wenn man das in der Schlagerbranche offenbar glaubt: Nicht jeder Südamerikaner hat das Feuer in der Hüfte.

Als Zarrella zusammen mit Rossi Sommerhits wie „Despacito“ oder „Baila me“ singt, versprüht Rossi eher das Flair eines deutschen Buchhalters als das eines feurigen Latinos. Vielleicht ist das mit den Klischees ja doch keine so tolle Sache.

Aber am Ende hält die „Giovanni Zarrella Show“ weitgehend das, was sie versprochen hat. Vor allem aber scheint Giovanni Zarrella etwas gefunden zu haben, das ihm Spaß macht und das merkt man als Zuschauer. Und auch wenn noch nicht alles läuft wie aus einem Guss: Das wird sich zurecht ruckeln. Und wenn nicht: Ein bisschen mehr Imperfektion, Authentizität und echte Herzlichkeit dürften der Schlagershowbranche nicht schaden.

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