Das preisgekrönte Drama "Systemsprenger"

Berlin (dpa) – Die neunjährige Benni ist wütend. Extrem wütend. Sie schreit und tobt, ihr Kopf ist rot vor Anstrengung. Doch sie hört nicht auf, sondern schmeißt schließlich noch ein großes Spielzeugauto gegen die Eingangstür.

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“Keine Sorge, das ist Sicherheitsglas”, beruhigt ein Pädagoge dahinter sich und andere. Aber Benni ist so in Rage, dass sie das Bobby Car voller Wucht durch die Luft wirft – und das Glas doch zerspringt.

Es sind Szenen wie diese, die einem noch länger in Erinnerung bleiben aus “Systemsprenger”, dem bemerkenswerten Debütfilm der Deutschen Nora Fingscheidt. Das Drama läuft am Montag um 20.15 Uhr im ZDF. Die Regisseurin erzählt darin von einem schwer erziehbaren Mädchen, das von seiner Mutter weggegeben wurde und von einer Pflegeeinrichtung zur nächsten gereicht wird.

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Fingscheidt und ihre Schauspieler wurden mit Preisen überhäuft. Unter anderem gab es bei der Berlinale den Alfred-Bauer-Preis für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet. Beim Deutschen Filmpreis räumte das Werk acht Trophäen ab. Mehr als 600 000 Kinogänger sahen das vieldiskutierte Drama, das ist ein großer Erfolg für einen Arthouse-Film. “Systemsprenger” war Kandidat für den Auslands-Oscar, erreichte aber nicht die Shortlist.

Ein absoluter Glücksfall für den Film ist die Helena Zengel in der Hauptrolle. Bei den Dreharbeiten war die Schülerin aus Berlin gerade einmal neun Jahre alt – umso erstaunlicher, mit welcher Intensität sie die Rolle der Benni hier verkörpert: Sie schwankt zwischen dem Wunsch nach Nähe und extremster Aggressivität, sie sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit, zerstört mit ihrer Unberechnbarkeit aber letztendlich jeden Annäherungsversuch. Man darf sie auch nicht im Gesicht berühren, sonst rastet Benni sofort aus. Eine Misshandlung im Säuglingsalter hat das Mädchen nachhaltig traumatisiert.

Regisseurin Fingscheidt führt vor, wie die Neunjährige das System der Kinderbetreuung sprengt – daher auch der Name “Systemsprenger”, der nach der Premiere des Films eine längere Zeit lang sogar fast sprichwörtlich wurde. Benni wurde schon von vielen Schulen verwiesen und lebte bereits in mehreren Heimen. Dabei hilft es auch nicht, dass die leibliche Mutter immer mal wieder in Bennis Leben auftaucht und ihr Hoffnung auf eine Rückkehr macht. “Ich habe Angst vor ihr”, sagt die überforderte Mutter, die auch noch zwei andere Kinder hat.

Beim Zuschauen leidet man mit Benni mit und ist angesichts ihrer explosiven Gewalt dann doch fassungslos. Die einzige Chance scheint der Anti-Gewalt-Trainer Michael (Albrecht Schuch) zu sein, der vorschlägt, Benni für drei Wochen in seine Waldhütte mitzunehmen. Kaum äußere Reize, nichts, was ihre Wut triggern könnte. Doch ist Benni wirklich noch zu helfen?

Fingscheidt erzählt auf sehr radikale Weise, was passiert, wenn das System in Deutschland an seine Grenzen kommt. Die im niedersächsischen Braunschweig geborene Regisseurin lotet dabei jede Möglichkeit aus und macht deutlich, warum etwa Benni, aber auch ihre Mutter so gefangen in ihrem Verhalten sind. Damit verlangt der Film seinem Publikum einiges ab. Das gilt für viele der Szenen, in denen Benni ausrastet, aber auch für die beklemmende Szene, in der sie mit Michael im Wald sitzt und ihr Echo hören will: “Mamaaaa!”, schreit sie voller Verzweiflung und Sehnsucht.

Auch wenn aus dem Oscar nichts wurde: Einen größeren Erfolg hätte sich Nora Fingscheidt für ihr Spielfilmdebüt aus dem Jahr 2019 sicher nicht wünschen können. Und für Helena Zengel war es das Sprungbrett für eine internationale Karriere sein: Im Western-Drama “Neues aus der Welt” spielte sie voriges Jahr an der Seite von Tom Hanks.

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