Alpträume, Klarträume, Kekskrümel: Warum der Münchner "Tatort: Dreams" nervt

Die Geigerin Marina glaubt, ihre Freundin Lucy ermordet zu haben. Oder hat sie das nur geträumt? Eine Schlafforscherin versucht, Kommissar Batic das komplizierte Thema Klarträume zu erklären. Kollege Leitmayr futtert sich in den Schlaf. Immerhin: Die Musik in diesem „Tatort“ aus München ist traumhaft.

Eine Kritikvon Iris Alanyali

Diese Kritik stellt die Sicht der Autorin dar. Hier finden Sie Informationen dazu, wie wir mit Meinungen in Texten umgehen.

„Die Studie ist im Arsch“ sagt die Traumforscherin einmal. Ganz so schlimm steht es um den „Tatort: Dreams“ nicht, aber der Krimi hat schon etwas von einer schiefgelaufenen Studie. Das Forschungsgebiet – sowohl der Wissenschaftlerin als auch des „Tatort“ – sind „luzide Träume“, Träume also, während derer die Träumenden wissen, dass sie träumen und ihre Träume sogar bewusst steuern können. Die heißen auch einfach Klarträume, aber Klarheit liegt dem neuen „Tatort“ aus München nicht so.

Sonst hätte man ihn ja auch „Träume“ nennen können und nicht prätentiös „Dreams“. Bei „Dreams“ denkt man doch eher an alberne Popsongs, und nicht an psychologische Traumforschung, von der hier dauernd geredet wird. Was bald ziemlich nervt und tatsächlich albern wirkt. Also passt „Dreams“ vielleicht doch besser. Dabei fängt es so vielversprechend an.

Aus Freundinnen werden Konkurrentinnen

Zwei junge Geigerinnen kämpfen um denselben Platz im Orchester. Marina und Lucy sind beste Freundinnen und jetzt Konkurrentinnen. Sie treffen sich bei Nacht auf einem dunklen Dach, eine hat getrunken. Ein Streit bricht aus, eine Glasscherbe liegt bereit – und dann starren Lucys leere Augen tief in Marinas Seele. Das Orchester spielt dazu. Dramatische Streicher, dunkle Bläser.

Eine Oper fängt so an, eine dramatische Geschichte voller Leidenschaft und Schmerz und Eifersucht. Der „Tatort“ aber geht als Einführung in die Pros und Kontras der Klartraumpsychologie weiter.

Spoiler: Die Kontras überwiegen. Denn zwei Tage später steht Marina bei Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) im Kommissariat und gesteht einen Mord. Glaubt ihn jedenfalls gestehen zu müssen: Sie habe geträumt, ihre Freundin umgebracht zu haben, aber jetzt sei Lucy verschwunden. Sie habe offenbar gar nicht geträumt, sondern gehandelt.

Ein Geständnis voll offener Fragen

Die Kommissare sind skeptisch. „Wir haben ein Geständnis“, sagt Leitmayr, und es klingt gar nicht froh. Es klingt nach psychischen Problemen, komplizierten Verhältnissen, offenen Fragen. Wie sehr er damit recht hat, weiß er da noch nicht – weiß nicht, dass er selbst um den Schlaf gebracht werden und mit Kollege Batic aus dem Kopfschütteln gar nicht mehr herauskommen wird.

Denn Marina und Lucy waren beide Kandidatinnen für eine wichtige Stelle im Orchester. Die hochbegabte Lucy stammt zudem aus einer berühmten Musikerfamilie. Der Leistungsdruck ist enorm: Das Stresslevel bei Orchestermusikern sei genau so hoch wie bei Formel-1-Piloten, erklärt Assistent Kalli (Ferdinand Hofer) den Kommissaren, das sei wissenschaftlich erwiesen. Und um das noch zu unterstreichen, ist Lucys Freund Hochleistungssportler. Leistungsbereit hat Mats (Theo Trebs) zudem nicht nur eine Freundin.

Traum oder Realität?

Lucy, Marina und Mats sind Teilnehmer einer Studie zur Klarträumerei, wo sie lernen sollen, ihre Träume zu steuern. So könnten sie zum Beispiel auch im Schlaf proben und die Nacht mit Leistungsoptimierung verbringen, anstatt nur faul im Bett herumzuliegen. „Träum Dich erfolgreich“ steht auf den Prospekten, die in dem schicken Labor ausliegen.

Ein Realitätsverlust, Zweifel am Unterschied zwischen Traum und Wirklichkeit sind eigentlich ausgeschlossen. Das liege ja schon in der Natur der luziden Träume, antwortet Dr. Deah (Katrin Röver) beim nächtlichen Besuch der Kommissare. Aber dann zögert die forsche Forschungsleiterin, die alle duzt und offenbar schon mehr Kaffee intus hat, als um diese Uhrzeit gesund ist: „Eine exzessive Nutzung kombiniert mit einer gewissen Neigung könnte einen dissoziativen Zustand vielleicht schon befördern.“

Psychopharmaka gegen die Müdigkeit

Solche Sätze werden die Zuschauerinnen und Zuschauer und auch die Kommissare noch viele zu hören bekommen. Zumal sich bald herausstellt, dass im Orchestergraben mehr Psychopharmaka geschluckt als im Zuschauersaal Hustenbonbons gelutscht werden. Und was passiert, wenn der natürliche Schlafrhythmus des Körpers derart durcheinanderkommt, das ist ganz furchtbar gefährlich und kompliziert, aber keine Sorge: Der „Tatort“ erklärt’s.

Zum Ausgleich für das medizinische Lehrjargon und die hyperempfindsamen Künstlermilieus müssen Batic und Leitmayr in „Dreams“ ganz besonders skeptisch und bodenständig daherkommen. Aber Leitmayrs verständnisloses Grantig-Glotzen und sein Dauerschmatzen, weil er aus Übermüdung ständig Kekse futtert, sind mindestens so schwer zu ertragen wie das stocksteife Intellektuellengehabe von Jara Bihler als Marina Eeden und Lisa Marie Janke als ihre Geigenlehrerin Lahja Åkerström.

Ja, „Eeden“, „Åkerström“ und „Dr. Deah“: eine Geigerin mit mehr Vokalen im Namen als ihre Violine Saiten hat, eine Geigenlehrerin, die heißt wie ein Ikea-Regal, und eine Schlafforscherin mit dem Namen einer DJane. In Münchens Nachtleben geht es wahnsinnig exotisch zu.

Die Musik immerhin ist traumhaft

Apropos Nacht: In „Dreams“ spielt fast alles im Dunkeln, auf nächtlichen Dächern, in Garagen, sanft beleuchteten Schlaflaboren, leeren Büros. Das ist nicht nur dem Thema angemessen, Boris Kunz‘ Regie bietet so auch einen wohltuenden Kontrast zum überfrachteten Drehbuch von Moritz Binder und Johanna Thalmann, die das Thema Klarträume so spannend fanden, dass sie darüber den Krimiplot vernachlässigt haben.

Zum Glück ist da außerdem die klassische Musik. Gustav Mahler wird gespielt und die Kompositionen des 35-jährigen David Reichelt, die er für „Dreams“ geschrieben hat. Die Musik trägt diesen „Tatort“, und immerhin die ist ganz traumhaft.

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