"Wetten, dass..?"-Comeback: "Ich werde mir das nicht anschauen"

„Wetten, dass..?“ kehrt zurück ins Fernsehen. Warum Jürgen von der Lippe nicht einschalten wird und was Markus Lanz besser kann als Thomas Gottschalk, erzählt er t-online im Interview.

Die Samstagabendshow als generationsübergreifendes Konzept ist tot – so lautet die knallharte Diagnose von Jürgen von der Lippe. Der Moderator muss es wissen, schließlich hat er mit „Geld oder Liebe“ von 1993 bis 2001 selbst jahrelang den Primetime-Prestigeplatz im Ersten bespielt. 

Also sprechen wir mit ihm über den Versuch des ZDF, das alte TV-Lagerfeuer wieder zu entfachen. Am Samstag holt der Sender dafür „Wetten, dass..?“ wieder auf die Bildschirme – und Thomas Gottschalk soll es richten. Warum Jürgen von der Lippe nicht einschalten wird und was Günther Jauch mit dem Untergang der Samstagabendshow zu tun hat, erzählt er im Interview mit t-online.

Jürgen von der Lippe: Nein, ich schaue kaum Live-Fernsehen. Programme, die ich gerne sehen möchte, zeichne ich auf. Das hat den Vorteil, dass ich Teile der Sendungen vorspulen kann. Bestes Beispiel: „Voice of Germany“. Was die Juroren dort zu sagen haben, interessiert mich, ehrlich gesagt, nicht so.

Sie überspulen tatsächlich die Wortbeiträge der Jury?

Ja selbstverständlich, mit 164-facher Geschwindigkeit. Dann ist so eine Sendung plötzlich nur noch 30 Minuten lang, das ist sehr angenehm.

Was schauen Sie denn am Samstagabend? Da läuft ja im ZDF eine Jubiläumsshow.

„Wetten, dass..?“, ich weiß. Werde ich mir aber nicht anschauen. Ich werde „Das Supertalent“ gucken, das ist für mich die interessantere Sendung.

Wieso das?

Ich liebe Varieté-Shows. Mein Vater war Barkeeper in einer Striptease-Bar und befreundet mit einem Varieté-Betreiber aus Aachen. Dort sind wir oft gemeinsam hingegangen. Die Jongleure, Zauberer, Bauchredner und Dompteure haben mich schon als Kind wahnsinnig fasziniert.

Ihre Sympathien für „Das Supertalent“ haben also nichts damit zu tun, dass Dieter Bohlen nicht mehr Teil der Jury ist?

Nein, nein, das hat damit nichts zu tun. Der Dieter Bohlen ist ja in den letzten Jahren sehr zahm geworden und war nicht mehr dieses forcierte Ekel, das er jahrelang geglaubt hat, geben zu müssen. Aber auch für „Das Supertalent“ gilt: Was die Juroren sagen, finde ich uninteressant – zumal der Erkenntnisgewinn zumeist sehr überschaubar ist. Auch das spule ich vor.

Sie würden also ein Jobangebot als Juror in einer großen TV-Show ablehnen?

Aber selbstverständlich! Ich würde mir auch nicht in der Rolle gefallen, einen Künstler ablehnen zu müssen. Wie hat es Goethe in seinem Stück „Iphigenie auf Tauris“ so schön ausgedrückt: „Man spricht vergebens viel, um zu versagen; der andre hört von allem nur das Nein.“ Das ist ein Satz, den ich im Zusammenleben sehr wichtig finde.

Sie haben schon vor zehn Jahren gesagt, dass „Wetten, dass..?“ seinen Zenit überschritten habe. Jetzt kommt Thomas Gottschalk mit der Jubiläumsshow noch einmal zurück. Wie unnötig ist dieses Comeback?

Ich finde das völlig in Ordnung, mich stört es nicht. Und es interessiert ja auch niemanden, ob mich das stört. Aber anschauen werde ich es mir nicht. „Das Supertalent“ finde ich einfach amüsanter.

„Wetten, dass..?“: Moderator Thomas Gottschalk im Jahr 2001 mit seinen Gästen Jürgen von der Lippe, Stefan Kretzschmar, Franziska von Almsick und Michael Bully Herbig. (Quelle: imago/Photo2000)

Was fehlt Ihnen denn bei „Wetten, dass..?“?

„Wetten, dass..?“ hat nichts falsch gemacht. Seit dem Unfall von Samuel Koch haben sie verständlicherweise versucht, die Risiken auszuschließen. Das macht so eine Sendung aber weniger spannend. Wo bleibt uns im Zirkus das Herz stehen? Bei den Dompteuren und Seiltänzern! Da wo Gefahr droht, ist der Nervenkitzel. Das fehlt dieser Sendung inzwischen.

Sie waren insgesamt fünfmal bei „Wetten, dass..?“ Wettpate. Einmal bei einer Baggerwette, bei der zwei Männer mit der Schaufel Dartpfeile auf eine Zielscheibe geschleudert haben. Auch an diesem Samstagabend soll wieder ein Bagger zum Einsatz kommen. Was finden wir Deutschen eigentlich so faszinierend an Baggern?

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die das fasziniert. Ich interessiere mich nicht für Fortbewegungsmittel, auch Autos sind mir egal. Ich bin nebenbei bemerkt ein sehr schlechter Autofahrer und ich mag den Rausch der Geschwindigkeit nicht.

Wenn es nicht die Bagger sind: Was würden Sie denn gerne einmal bei „Wetten, dass..?“ zu sehen bekommen?

Das ist schwer zu beantworten. Der Reiz liegt ja darin, dass wir in dieser Sendung etwas präsentiert bekommen, das wir nicht erwartet hätten. Der Überraschungseffekt ist entscheidend. Aber wenn Sie mich so fragen: Ich würde gerne mal einen Mann sehen, der durch die Wand geht.

Das dürfte schwierig werden. Liegt es wirklich nur am fehlenden Nervenkitzel, dass „Wetten, dass..?“ Sie nicht mehr vom Hocker reißt, oder trägt auch Thomas Gottschalk eine Teilschuld?

Das würde ich über einen Kollegen niemals sagen. Nur so viel: Ich empfand die Gesprächsführung von Markus Lanz, der die Tollkühnheit besessen hat, dieses Himmelfahrtskommando zu übernehmen, ambitionierter als die von Thomas Gottschalk. Thomas interessiert sich halt vor allem für sich selbst. Das ist eine Art Markenzeichen von ihm und sicherlich nicht uninteressant oder frei von Komik. Aber wenn man das 20 Jahre lang gesehen hat, weiß man eben, wie es läuft.

Überraschendes ist von Thomas Gottschalk am Samstagabend also nicht zu erwarten?

Irgendwann nutzt man sich eben ab. Das ist bei mir selbst nicht anders.

Wie meinen Sie das?

Wenn ich mir Sachen von mir aus früherer Zeit anschaue, gerate ich nicht gerade in einen Begeisterungstaumel.

Sie schauen sich ab und zu alte Aufzeichnungen an, in denen Sie zu sehen sind?

Das kommt vor, ja. Für meinen YouTube-Kanal habe ich alle meine Sendungen digitalisiert und bin unter anderem auf „Donnerlippchen – Spiele ohne Gewähr“ gestoßen. Das hat mir überhaupt nicht gefallen, obwohl diese Show zu ihrer Zeit sehr erfolgreich war. Aber jetzt im Nachhinein fand ich mich dort unerträglich.

Wie müssen wir uns das vorstellen? Schämen Sie sich dann?

Nein, ich schäme mich nicht. Aber ich habe mir einfach nicht gefallen. Ich wirkte gestelzt und unsicher, das war einfach nicht souverän. Ganz im Gegensatz zu meiner Buchsendung „Was liest du?“. Die finde ich auch heute noch sehr gut. Deshalb würde ich diese Sendung heute noch liebend gerne machen – im Gegensatz zu allem anderen, was ich so gemacht habe, von „Geld oder Liebe“ bis „Wat is?“.

Nie wieder „Geld oder Liebe“, sind Sie da sicher?

Absolut. Das funktioniert schon allein deshalb nicht, weil die Sender heutzutage nicht bereit sind, Geld in die Hand zu nehmen. Shows wie „Geld oder Liebe“ oder eben „Wetten, dass..?“ müssen aufwändig produziert werden. Das funktioniert nicht als Fließbandarbeit, die in Massenproduktion geht und dreimal am Tag produziert wird.

Günther Jauch: Der „Wer wird Millionär?“-Moderator im Jahr 2001, also in dem Jahr, in dem „Geld oder Liebe“ mit Jürgen von der Lippe endete. (Quelle: imago/teutopress)

Gibt es auch deshalb die große Samstagabendshow nicht mehr?

Das liegt vor allem an der Diversifizierung des Fernsehangebots und an der Konkurrenz durch das Streaming-Programm. Den Samstagabend halte ich ohnehin für entzaubert.

Weil Günther Jauch mit „Wer wird Millionär?“ oft genug bewiesen hat, dass es nicht den Samstag braucht, um hohe Millionenquoten einzufahren?

Ganz genau, spätestens mit Jauch war das Konzept der großen Samstagabendshow Geschichte. Er hat auch mich damals versenkt.

Ist also Günther Jauch quasi der Totengräber der großen Samstagabendshows?

Wenn man es so negativ ausdrücken will, würde ich das unterschreiben, ja. Der Zug ist einfach abgefahren: Die große Samstagabendshow wird es nicht mehr geben.

Bei all der düsteren Zustandsbeschreibung: Wie könnte es für die TV-Sender wieder besser laufen?

Die Fixierung auf die jungen Zielgruppen, einst von RTL-Chef Helmut Thoma für die Werbeindustrie erdacht, ist einfach Quatsch. Das ZDF-Publikum ist im Durchschnitt über 60 Jahre alt, junge Menschen tummeln sich eh woanders. Darauf müssen sich die Sender besinnen. Sie müssen ihr Programm auf ihr Publikum zuschneiden.

Sie sagten, dass das Ende der Samstagabendshow auch mit der Vielzahl an TV-Sendern zusammenhängt. „Schlag den Raab“ gab es aber noch bis 2015, mit Marktanteilen von enormen 30 Prozent.

Das lag nur an Stefan Raab.

Fehlen also heute Typen wie er?

Nein, es fehlen die Verantwortlichen, die auf solche Typen setzen.

Auf wen müssten die Verantwortlichen denn setzen?

Auf Daniel Hartwich zum Beispiel. Aber ihm wird zu wenig zugetraut. Im Fernsehen entsteht leider viel zu oft Mittelmaß, und es fehlt an Originalität, weil sich eben keiner traut, mal zu sagen: „Gut Daniel, dann überlege dir doch mal was. Wir trauen dir das zu.“ Heute ist das eine ganz andere Kreativitätskultur: Das nötige Vertrauen in Genies gibt es nicht mehr. Stefan Raab war das letzte Genie des deutschen Fernsehens. Danach ging es bergab.

So eine Samstagabendshow lieferte auch eine Art Kitt, der die Menschen zusammenhält. Bereitet Ihnen das Sorgen, wenn es den nicht mehr gibt?

Nein, überhaupt nicht. Ich weiß nicht mal, ob ich das schlimm finden soll. Schließlich gibt es dafür andere Gesprächsthemen. Schauen Sie doch nur, wie heutzutage über Netflix-Serien geredet wird. „Das Damengambit“ oder „Squid Game“ sind beste Beispiele dafür. Das eine beherrschende Thema auf den Schulhöfen kommt heute nicht mehr vom ZDF, sondern aus dem Streaming-Bereich.

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Man mag es kaum glauben, aber Sie sind 73 Jahre alt. Wie lange wollen Sie noch auf der Bühne stehen?

Solange man mich lässt. Ich habe mir jedenfalls kein Verfallsdatum gegeben und habe auch kein Interesse aufzuhören. Dafür macht mir das alles einfach viel zu viel Spaß!

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