"Ich bin schweißgebadet aufgewacht und habe geheult"

Als Schauspieler ist er einer der größten deutschen Stars. Jetzt sucht er auch als Regisseur das Scheinwerferlicht. Mit t-online spricht Moritz Bleibtreu über hohe Ansprüche und schlimme Albträume.

Den Deutschen Filmpreis gewann er bereits vor über 20 Jahren für seine Rolle in “Knockin on Heaven’s Door”. Seitdem ist Moritz Bleibtreu als Gangster, cooler Typ oder Charmebolzen nicht mehr von der Leinwand wegzudenken. Jetzt erfüllt sich der 49-Jährige einen Traum, den er bereits hegt, seitdem er Mitte 30 ist: selbst einen Film machen. 

Hauptrolle, Regie, Drehbuch: In “Cortex” (22.10.2020) macht Moritz Bleibtreu alles. Er spielt einen Mann, der unter Schlafmangel leidet, thematisiert das Gedankenexperiment, im Körper einer fremden Person zu stecken und schreibt im Subtext über das Leid der unerfüllten Ehe. Warum es mit Bleibtreu als Regisseur immer “Eigenartiges” zu sehen geben wird, verrät der Filmemacher im Interview mit t-online.

t-online: In Ihrem Film spielt Schlafentzug eine wichtige Rolle. Herr Bleibtreu, wann haben Sie das letzte Mal so richtig ausgeschlafen?

Moritz Bleibtreu: Vor ein paar Tagen habe ich richtig gut geschlafen. Aber es stimmt: Ich bin nicht der beste Schläfer. Ich habe Probleme damit, einzuschlafen. Früher war das noch viel schlimmer. Als kleiner Junge hatte ich viele Albträume.

Welcher Albtraum hat Sie immer wieder heimgesucht?

Da war immer ein Typ, dessen Gesicht ich nie gesehen habe. Der hat mich überallhin verfolgt und ich habe immer nur den Körper, die Beine, Füße und Schuhe gesehen. Ich bin jedes Mal schweißgebadet aufgewacht und zu meiner Mutter gerannt und habe geheult.

Hat Ihnen Ihre Mutter helfen können?

Mit einem einfachen Trick: Sie hat mir ein Blatt Papier gegeben und einen Stift. Dann meinte sie, ich solle aufzeichnen, wovor ich mich fürchte. Also hatte ich einen kopflosen Klecks auf dem Blatt und dann fragte meine Mutter: Davor fürchtest du dich? Das hat funktioniert, denn das was ich auf dem Blatt Papier sah, war überhaupt nicht angsteinflößend. Seitdem habe ich diesen Albtraum nie wieder gehabt.

Ein weiteres wichtiges Element in Ihrem Film ist die Überlegung, ob es im Leben Doppelgänger gibt. Haben Sie schon mal Ihren Doppelgänger kennengelernt?

Nein, nicht wirklich. Aber ich glaube daran, dass es irgendwo auf der Welt einen Doppelgänger von mir gibt. In den Recherchen zu meinem Film bin ich auf ein Andenvolk gestoßen, das daran glaubt, dass es jeden Menschen auf der Welt zweimal gibt. Wenn der eine wach ist, schläft der andere und umgekehrt.

Ist das nicht verstörend?

Ich finde den Gedanken charmant, dass es immer ein waches Ich und ein schlafendes Ich gibt. Diese Persönlichkeiten wechseln sich ab und in seltenen Fällen gibt es Überschneidungen. Aber treten diese Überschneidungen tatsächlich mal auf, werden damit aus der Sicht dieses Andenvolks Phänomene wie Déjà-vus, multiple Persönlichkeiten oder Schizophrenie erklärt.

Das ist der beängstigende Teil Ihres Films.

“Cortex” ist ein Psychothriller. Aber ich finde nicht, dass der Film beklemmend ist.

Darum geht es in “Cortex”: Hagen (Moritz Bleibtreu) plagen unkontrollierte Schlafphasen, in denen er zwischen Traum und Realität nicht mehr unterscheiden kann. Die angeschlagene Beziehung zu seiner Frau Karoline (Nadja Uhl) leidet immer mehr darunter. Ihr Seitensprung mit dem Kleinkriminellen Niko (Jannis Niewöhner) setzt jedoch eine verstörende Verkettung der Geschehnisse in Gang, die das Leben beider Männer drastisch verändert.

“Cortex” ist Ihr Regiedebüt. Wollten Sie das Publikum damit überfordern?

Ich habe keinen Film gemacht, der bewusst kompliziert sein sollte. Ich wollte nicht mit Ambivalenz schocken. Ich habe einfach einen Film gemacht, wie ich ihn auch persönlich gerne im Kino sehen würde.

In Deutschland ist eine Produktion wie “Cortex”, die doppelbödig ist und stark zum Nachdenken anregt, eher selten. Wieviel Mut braucht man dafür?

Das hat gar nicht so viel mit Mut zu tun.

Aber bei der deutschen Flut an Buddy-Komödien und Schmonzetten fällt ein Genrefilm sofort als Wagnis auf.

“Cortex” ist vom Genreverständnis eher in einem Bereich wie Christopher Nolans “Memento” zu verorten. Wenn Sie damals Nolan gefragt hätten, ob das ein Genrefilm ist, hätte er gelacht. Dafür war “Memento” viel zu komplex, als dass es nur einem bestimmten Genre zuzuschreiben wäre.

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Klar ist doch aber, dass Ihr erster eigener Film von der Anmutung her kein leichter, oder gar seichter Stoff ist.

Wir wussten natürlich, dass das was wir gemacht haben, hochkomplex ist. Deshalb haben wir dem Film einen Look und eine Atmosphäre verpasst, die sich etwas traut. Wir wollten auf dicke Hose machen und einen Film haben, der knallt.

Ihr Erstlingswerk sollte in keine Schublade passen. Ist es das?

Wir wollten nicht – in Anführungszeichen – bescheiden daherkommen und als Bittsteller auftreten, die sich erklären müssen und sagen: ‘Schaut mal hier, wir haben etwas Kompliziertes versucht und dafür extra mit einigen Handkameras herumgewackelt, damit es artsy-fartsy rüberkommt.’

Für mich klingt das alles sehr selbstbewusst.

Ja, das schon. Aber ich würde unsere Herangehensweise nicht als mutig, sondern als kompromisslos bezeichnen. Der Film soll knallen. Da passen Kompromisse nicht ins Konzept.

Bei Ihrem Debüt als Verantwortlicher hinter der Kamera wollten Sie ein Ausrufezeichen setzen, oder? Nach dem Motto: Mit Moritz Bleibtreu gibt es keine Stangenware.

Ich würde gerne weiter Filme schreiben und machen. “Cortex” zeigt: Wenn Moritz Bleibtreu einen Film macht, dann ist das etwas Eigenartiges. Im besten Sinne des Wortes. Das ist kein Film, den man in die Tasche steckt, mit nach Hause nimmt und denkt: war nett. Das ist ein Kinofilm, der die Zuschauer zum Mitmachen herausfordert.

Sie wollen sich also einen Ruf als besonderer Filmemacher erarbeiten?

Das hört sich so überheblich an. Ich finde es gut, dass mit meinem Namen eine gewisse Qualität verbunden wird. Oder sagen wir so: Da ist jemand, der Geschichten kompromisslos erzählt. Aber ich will nicht auf Krampf ambitioniert, anders oder besonders sein.

Warum war es Ihnen dennoch wichtig, anspruchsvoll zu wirken?

Ich persönlich mag komplexe Stoffe. Einige Filme, die ich unheimlich mag, habe ich bis heute nicht verstanden. Ich schätze das an der Kunst: auch in der Literatur, in der Musik oder in der Bildenden Kunst. Ich mag es, wenn ich Filme dreimal anschauen muss, um sie zu durchblicken. Wenn sich mir ein Film nicht gleich beim ersten Mal erschließt, weckt er mein Interesse.

Geht damit die Gefahr einher, eher ein spezielles Publikum und nicht unbedingt die breite Masse anzusprechen?

Ich verstehe jeden Zuschauer, der sagt: ‘Ich bezahle hier zehn Euro und verlange, dass ich verstehe, was da auf der Leinwand passiert.’ Ich verstehe Menschen, die meinen Film anstrengend finden. Es ist nicht so, dass ich ausschließlich komplexe Filme mag. Ich werde auch gerne mal unterhalten. Ich mag Mainstream! Aber meine Filme als Regisseur und Autor werden wahrscheinlich immer eher komplex sein.

Ist es richtig, dass Sie an diesem komplexen Werk fast zehn Jahre gearbeitet haben, es aber nur vier Millionen Euro gekostet hat?

Unter vier Millionen – das ist ganz wichtig! (lacht) Darauf bin ich tatsächlich sehr stolz. Jeder der sich mit Filmen auskennt und “Cortex” anschaut, wird wissen, dass ein Produktionsbudget von unter vier Millionen Euro bei dem Look echt wenig ist.

Was ist mit den zehn Jahren Entwicklungszeit?

Das stimmt nicht wirklich. Ich habe schon immer geschrieben in meinem Leben. Mit Mitte 30 hat sich der Gedanke durchgesetzt: Irgendwann will ich selbst Regie führen und ein Drehbuch schreiben. Ich hatte mehrere Ansätze und musste mich entscheiden, mit welchem Werk ich aufschlage und meine Regie-Premiere feiere. Der Entschluss für “Cortex” fiel aber erst vor ein paar Jahren.

Moritz Bleibtreu: In seinem Regiedebüt “Cortex” spielt er selbst die Hauptrolle als schlafloser Hagen, der die Kontrolle über sein Leben verliert. (Quelle: Warner Bros. Ent., 2020)

Wenn Sie solange überlegt haben, welcher Film ihr Regiedebüt werden soll: Warum wurde es ausgerechnet “Cortex”?

Es ist ein sehr persönlicher Film. Es geht um Menschen, die vorgeben etwas zu sein, obwohl sie das gar nicht sind. Das ist gewissermaßen mein Lebensinhalt, denn ich bin Schauspieler. Ich tue nichts anderes in meinem Beruf, als mich selbst als jemand anderes auszugeben. Deshalb habe ich das große Glück, dass ich den Großteil meines Lebens nicht ich selbst sein muss. Dafür werde ich sehr gut bezahlt, behütet und umgarnt und bekomme manchmal sogar einen Filmpreis dafür.

Aus der Sicht eines Schauspielers ist das nachvollziehbar. Aber gilt das auch für den Großteil der Menschen, die nicht im Schauspielberuf tätig sind?

Ich halte das für eine gesellschaftliche Realität. Wir alle sind im Leben immer nur das, was wir vorgeben, zu sein. Das ist doch faszinierend. Je größer unsere Freiheit wird, umso weniger nutzen die Menschen diese Freiheit, um wirklich zu tun, was sie wollen.

Sie scheinen vor allem auch dann glücklich zu sein, wenn Sie mit Elementen des Gangsterfilms arbeiten können. “Cortex” ist der neueste Beweis: Ein Film mit Moritz Bleibtreu kommt nicht ohne eine Spielform des Gangsterfilms aus.

Gangster-Shit ist immer dabei! (lacht) Gangsterfilme sind für mich die größte Inspiration. Außerdem kann ich nur das erzählen, was ich kenne. Ich kenne das Gefühl der Straße und weiß, was für Menschen dort unterwegs sind – ich kenne mich damit aus. Deshalb wird es wohl immer irgendwo einen kleinen Gangster in meinen Filmen geben.

Dazu gehört die schonungslose Sprache, aber auch harte Bandagen, das Geldeintreiben und Gewalt. Haben Sie denn oft auf die Nase bekommen?

Ja sicher habe ich auf die Nase bekommen. Das bleibt nicht aus, wenn man sich viel auf der Straße herumtreibt und um die Häuser zieht. Wir haben in St. Georg gewohnt, dem Hamburger Bahnhofsviertel. Für meine Mutter war es aus künstlerischer Sicht cool, in einer Gegend zu leben, wo es rau zugeht.

Fanden Sie das damals auch cool?

Anfangs überhaupt nicht. Wir sind dort hingezogen, als ich zehn Jahre alt war. Die ersten drei, vier Jahre wurde ich fast nur verprügelt. Das war nicht lustig. Aber rückblickend bin ich froh, dass ich das erlebt habe. Die Straße ist ein Teil von mir – und sie wird immer einen Platz in meinen Geschichten haben.

Nadja Uhl sagt in Ihrer “Cortex”-Rolle einen interessanten Satz: “Warum merkt man nicht, wenn man sich verändert?” Wie kamen Sie als Drehbuchautor zu dieser Beobachtung?

Veränderungen sind immer etwas, das wir nicht bewusst wahrnehmen. Ich habe mich im Leben schon oft verändert und erst im Nachhinein festgestellt: ‘Hoppla, so war ich früher gar nicht.’ Ich konnte mit den Veränderungen in meinem Leben immer gut umgehen, und trotzdem gab es Dinge, die schwer waren.

Moritz Bleibtreu: Mit “Cortex” hat er sich einen Traum erfüllt. Endlich konnte der Schauspieler auch als Regisseur die Zügel in der Hand halten. (Quelle: imago images / Future Image)

Was genau ist denn so schwer im Leben?

Das Leben ist nichts anderes als Entscheidungen treffen und loslassen – erst dann entsteht etwas Neues. Das ist schwer. Und den Menschen fällt das sogar zunehmend schwerer. Heute ist eine Scheidung kein großer gesellschaftlicher Tabubruch mehr und trotzdem halten Menschen ewig an Beziehungen fest, die zum Scheitern verurteilt sind.

Ist Ihnen das auch schon passiert? Dass sie hätten loslassen müssen, aber rückblickend zu lange an etwas festgehalten haben?

Ja klar, in der Liebe ist mir das auch passiert. Oder bei Verlusten im Familien- und Freundeskreis: Wenn plötzlich ein geliebter Mensch verstirbt und man noch sehr lange darunter leidet. Irgendwann muss auch mal gut sein. Aber loslassen ist nun mal verdammt schwer.

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Apropos Liebe: Sie sind der Überzeugung, dass Gegensätze sich anziehen. Fußt das auf persönlichen Erfahrungen oder woher nehmen Sie diese Einstellung?

Das ist ein physikalisches Element, ich habe mir das nicht ausgedacht. Auf Beziehungen übertragen, ergibt das Sinn, denn die Partner komplettieren, wenn sie unterschiedliche Eigenschaften mitbringen. Ich halte es für einen gesellschaftlichen Irrglauben, auf Plattformen wie parship.de die große Liebe zu finden, weil sich Menschen über die Angabe ihrer Interessen kennenlernen. Ich glaube nicht, dass gemeinsame Interessen etwas mit Anziehungskraft zu tun haben. Im Gegenteil: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Liebe leidenschaftlicher ist, umso unterschiedlicher die Partner sind.  

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