Bill Kaulitz: "Wir konnten unsere eigenen Namen nicht mehr hören"

15 Jahre ist es her, dass Tokio Hotel mit “Durch den Monsun” Millionen deutscher Teenies in Euphorie versetzen. Im Interview mit t-online blicken Bill und Tom Kaulitz zurück und geben zu, dass sie mit ihrer Karriere nicht immer zufrieden sind.

Den Refrain von “Durch den Monsun”, dem Song, mit dem aus Bill Kaulitz und seinem Zwillingsbruder Tom Kaulitz über Nacht Teeniestars wurden, hat man wohl selbst heute noch im Kopf. Oder heute wieder. Denn am 2. Oktober veröffentlicht die Band anlässlich des 15. Geburtstages der Hitsingle eine Neuaufnahme.

t-online: “Durch den Monsun” machte Sie quasi über Nacht zu Superstars und Teenieschwärmen. In meiner Klasse waren Tokio Hotel damals DAS Thema bei den Mädels. Wie hoch war der Druck auf Sie? Gab es auch Momente, wo alles zu viel wurde? Auszeiten hatten Sie sich immer mal wieder genommen.

Inwiefern?

Bill: Wir sind unsere größten Kritiker. Wir selber haben uns schon immer den größten Druck gemacht. Wir kämpfen viel mehr mit uns selbst als mit dem Druck von außen. Wir haben schon lange aufgehört, anderen Leuten etwas zu beweisen. Die größte Challenge ist der Frieden mit dir selbst.

Tokio Hotel damals (v.l.): Gustav Schäfer, Bill Kaulitz, Georg Listing und Tom Kaulitz. (Quelle: Thomas Rabsch / Sony Music)

15 Jahre ist der Durchbruch schon her. Das ist ein Grund zum Feiern, oder?

Tom Kaulitz: Eigentlich wollten wir zum 15-jährigen Jubiläum eine besondere Konzertreihe veranstalten. Mit Special Guests und alten Songs als Unplugged Versionen. Im Februar diesen Jahres ging dann weltweit die Pandemie los und auch wir waren durch die Reisebeschränkungen unmittelbar betroffen und mussten leider nach nur 3 Shows unsere große Lateinamerika Tour abbrechen. All unsere Pläne wurden quasi über Nacht durchkreuzt und so mussten wir uns für 2020 was Neues einfallen lassen.

Und so kam es zur Neuaufnahme des Songs?

Tom: Genau, unsere Idee war dann “Durch den Monsun”, den Song, der uns so viel bedeutet, mit dem alles für uns angefangen hat, zu feiern indem wir ihm eine neue Version widmen. Eine Version des Songs aus unserer heutigen musikalischen Sicht. Er klingt anders, frisch und auch wenn die Melodie komplett neu ist, ist das noch nahe genug am Original, dass der Hauch von Nostalgie und Melancholie mitschwingt.

Bill, gerade in den letzten Jahren war die Band wieder viel im Gespräch. Natürlich auch durch Toms Beziehung zu Heidi Klum. Sie waren auch Gast-Juror bei GNTM. Finden Sie es schade, dass das Interesse der Öffentlichkeit an dem Privatleben von Ihnen und Tom für einige interessanter ist als Ihre Musik?

Bill: Auf jeden Fall! Wir kennen es nicht anders, denn wir sind in der Öffentlichkeit vor den Augen von Millionen Menschen aufgewachsen. Wie im “Big Brother”-Haus. Aber natürlich wünsche ich mir manchmal eine Karriere wie Rammstein oder Die Ärzte. Die lässt man privat ja komplett in Ruhe und weiß fast nichts über sie. Das ist die beste Karriere, die man haben kann. Tom und ich wollten nie unbedingt berühmt werden. Wir wollten erfolgreich Musik machen. Das war der Plan.

Den Song hat man selbst jetzt noch sofort im Kopf und kann den Refrain mitsummen. Ist so ein Riesenhit nicht nur Segen, sondern auch manchmal Fluch?

Tom: Ja, Segen und Fluch. Der Song hat unsere Karriere über Nacht von Null auf Hundert katapultiert und unser Leben im positiven Sinne komplett auf den Kopf gestellt. Wir haben Dinge erreicht, von denen wir noch nicht einmal gewagt hätten zu träumen. Auf der anderen Seite ist es eben auch nicht einfach mit einem Nummer-1-Hit zu starten, denn mehr als Nummer 1 geht eben nicht. Ein weiterer Top-10-Hit, der für andere Künstler ein absoluter mega Erfolg gewesen wäre, war für unsere Verhältnisse plötzlich ein Flop.

Das können viele sicherlich nicht nachvollziehen.

Später, als wir so Mitte 20 waren, hat es sich plötzlich auch für uns persönlich so angefühlt, als hätte man alles erreicht, seinen Zenit bereits hinter sich. Also muss man irgendwann anfangen, Dinge aus einer anderen Perspektive zu betrachten, sich neue Ziele und Motivationen zu suchen. Heute ist uns künstlerische Freiheit am Wichtigsten. Uns komplett auszuleben, keine Kompromisse machen zu müssen, neue Wege zu gehen und die Möglichkeit zu haben die wildesten Projekte zu verwirklichen.

Bei so einem Megahit hätte der Hype um Sie auch schnell vorbei sein können. Was glauben Sie haben Sie richtig gemacht, dass Sie eben nicht nur ein One-Hit-Wonder gewesen sind?

Bill: Ich glaube man kann Erfolg nie planen. Dafür müssen ganz viele Sachen zusammenkommen und eine perfekte Symbiose ergeben, damit das passiert. Da gehören ganz viele Zutaten rein, aber vor allem die Liebe zu dem was man macht. Wir hatten nie eine Plan B oder andere Karriere Vorstellungen. Für mich gab es nie eine Alternative zur Bühne. Wenn ich nicht da oben stehe und performe, würde ich sterben. Außerdem haben wir natürlich sehr viel gearbeitet. Fleiß und Leidenschaft spielen eine große Rolle, um als Musiker zu bestehen.

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Bill, heute besitzen Sie ein eigenes Mode-Label und treten ganz anders auf als damals. Aus heutiger Sicht: Wie beurteilen Sie das Video und Ihren damaligen Look?

Bill: Ja, es war authentisch. Es war genau der Look, den ich damals wollte. Ich war nie fremdbestimmt oder hatte einen Stylisten. Mode ist für mich Ausdrucksform und Freiheit. Ich brauche das wie die Luft zum Atmen. Veränderung ist wichtig und hält ebenfalls am Leben. Deswegen liebe ich es auch modisch nie stillzustehen. Ein eigenes Modelabel war immer mein großer Traum. Wir haben einiges vor und vergrößern uns dieses Jahr.

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