Wie das Coronavirus die Reisefreiheit einschränkt

Die Corona-Pandemie hat das Bild des grenzenlosen Europas gehörig ins Wanken gebracht. Das Fernweh vieler Österreicher ein Jahr nach Beginn der Pandemie groß; viele hier lebende EU-Bürgern und Migranten sind zudem von ihren Verwandten in der alten Heimat abgeschnitten.

Wann dieReisefreiheit wieder voll hergestellt wird, ist derzeit nicht absehbar.Im Gegenteil: Der Trend geht derzeit sogar in Richtung Verschärfung.Wegen der Virusmutationen gibt es wieder Grenzschließungen.

Die Staus und diplomatische Irritationen wegen einseitigerAbschottungen an den Grenzen wie am vergangenen Wochenende ließenErinnerungen an den vergangenen März aufkommen. Dabei hatten dieEU-Staaten sich seitdem mantraartig immer wieder gegenseitig versichert,dass man Staus und Chaos an den Grenzen wie im vergangenen Jahr nichtmehr haben wolle. “Wir haben unsere Lektionen gelernt”, formulierte esEU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im Herbst. Abstimmungenbei Reisewarnungen, Coronatests und Quarantänevorschriften wurdenangekündigt.

Erste Grenzschließungen in Österreich ab 10. März 2020

Damals war es Österreich, das als eines der erstenEU-Länder drastische Schritte gesetzt: Zwei Wochen nach der Entdeckungder ersten Coronafälle in Österreich wurde am 10. März die Grenze zuItalien geschlossen. Die kurzfristige unabgesprochene Entscheidungführte zu kilometerlangen Staus am Brenner und erheblichem Unmut in Rom.Innerhalb der folgenden Tage wurden quer durch Europa wiederGrenzkontrollen wiedergeführt und gegenseitige Einreisesperren verhängt.Staus und tagelanges Chaos an vielen Grenzen waren die Folge. Zum 25.Jahrestag der Geburtsstunde des Schengenabkommen am 26. März hattenbereits mehr als die Hälfte der 26 Staaten des eigentlich kontrollfreienSchengenraum Grenzkontrollen eingeführt.

In der größten Rückholaktion der Geschichte mussten in rund 40 Repatriierungsflügen mehr als 7.500 im Ausland gestrandete Österreicher heimgeholt werden. In Österreich sorgten die Grenzsperre insbesondere bei der 24-Stundenbetreuung und Erntehelfern für Probleme. Erst nach langen Verhandlungen konnte Mitte Mai ein Korridorzug Pflegepersonal aus Rumänien durch Ungarn nach Österreich bringen.

BilateraleEinigungen sorgten langsam für Erleichterungen für Pendler,Geschäftsreisende und Familienbesuche. Aber für Urlauber blieben dieGrenzen fast drei Monate lang dicht. Die sinkenden Infektionszahlen undder nahende Sommer sorgte ab Mitte Mai für lauter werdende Rufe nachGrenzöffnungen. Österreich schielte dabei vor allem auf das wichtigeUrlauberland Deutschland. Am 4. Juni wurden rechtzeitig zurHaupturlaubszeit schließlich Österreichs Grenzen zu den Nachbarländernwieder uneingeschränkt geöffnet – nur Italien musste warten, was erneutfür Verstimmungen in Rom sorgte. Nur zwei Wochen später fielen am 16.Juni schließlich die Einreisebeschränkungen für fast alle europäischenLänder.

Im Juli kam es erneut zu Reiseeinschränkungen

Die zurückgewonnene Reisefreiheit währte allerdings nur kurz. Schon im Juli wurden wegen steigender Infektionszahlen neue Reisewarnungen und Einreisebeschränkungen für Rumänien und Bulgarien verhängt, im August folgten Spanien und Kroatien.

Im Herbstagierte Österreich selbst trotz vielerorts steigender Infektionszahlenzögerlich bei der Verhängung von weiteren Einreisebeschränkungen, wurdeaber selbst zunehmend Ziel von Reisewarnungen. Einzelne Bundesländeroder gleich ganz Österreich wurden in mehreren Ländern auf die RotenListen gesetzt. Am schmerzhaftesten: Deutschland erklärte MitteSeptember zuerst Wien,dann Vorarlberg, Tirol und bis Ende Oktober mit Kärnten das letzteBundesland zum Risikogebiet. Die seitdem geltendenEinreisebeschränkungen treffen nicht nur die Tourismuswirtschaft hart,sondern verkomplizieren unter anderem auch den rund 200.000 inÖsterreich lebenden deutschen Staatsbürgern den Kontakt zum Heimatland.

Österreich verschärfte Einreiseregeln vor Weihnachten nochmals drastisch

Österreich verschärfte seine Einreiseregeln erst kurz vor Weihnachten drastisch. Seit dem 19. Dezember gibt es auch hierzulande Inzidenz-basierte Einreiseregeln. Die seitdem immer wieder nachgeschärften Einreisebeschränkungen gelten für Einreisende, die aus Staaten mit einer 14-Tages-Inzidenz von mehr als 100 (pro 100.000 Einwohner) nach Österreich kommen. Die Einreisenden müssen sich vorab registrieren, ein negatives Coronatest-Ergebnis vorlegen und eine zehntägige Quarantäne antreten. Ein Freitesten ist frühestens fünf Tagen nach der Einreise möglich.

Ausgenommen von diesen Regeln sind derzeit nurEinreisende aus neun Ländern weltweit: Australien, Finnland,Griechenland, Island, Neuseeland, Norwegen, Singapur, Südkorea und demVatikan. Griechenland könnte allerdings schon bald wieder von der Listeder sicheren Länder gestrichen werden, zuletzt stieg die Zahl derNeuinfektionen und die 14-Tage-Inzidenz liegt derzeit lautEU-Gesundheitsagentur ECDC bei knapp 112. Von den europäischen Ländernhaben derzeit Dänemark (109), Bulgarien (127), Kroatien (157), Rumänienund Ungarn (beide 176) und Deutschland (177) am ehesten Chancen unterden geltenden Kriterien demnächst als sichere Länder eingestuft zuwerden. In all dieses Staaten – wie auch in der Schweiz (192) – ist die14-Tage-Inzidenz derzeit niedriger als in Österreich (225).

So sieht die Corona-Lage in beliebten Urlausbländern aus

Die beliebten Urlaubsländer Spanien (843), Portugal (1.214) und Frankreich (423) sind meilenweit, Italien (282) auch ziemlich weit davon entfernt, die Grenze von 100 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in 14 Tagen zu unterschreiten. Auch bei den Nachländern Tschechien (915), Slowakei (496) und Slowenien (762) stehen die Chancen derzeit schlecht.

EineRückkehr zum freien Reisen ist in unmittelbarer Zukunft nicht in Sicht.Angesichts der neuen Virusmutationen geht der Trend derzeit vielmehr inRichtung neuer Grenzschließungen. Trafen die Einreisestopps undLandeverbote zunächst Großbritannien, Südafrika und Brasilien, ist nunauch Österreich wegen der vor allem in Tirol entdeckten südafrikanischenVirus-Variation betroffen. Neben Deutschland verschärfte zuletzt auchItalien seine Einreisebeschränkungen gegenüber Österreich.

Corona-Impfung soll Freiheit wieder herstellen

FürHoffnung bei Reisefreudigen sorgt die Idee eines europäischenImpfpasses, wie ihn Urlaubsländer wie Griechenland aber auch Österreichderzeit propagieren. Über die Aufhebung von Reisebeschränkungen fürMenschen mit Corona-Impfung herrscht allerdings noch keine Einigkeit inder EU. Ungeklärt ist bisher, ob von bereits geimpften Menschen weitereine Ansteckungsgefahr ausgehen kann.

(APA/Red)

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