‘Songs My Brother Taught Me’: Freiheit und Zähmung

Um ein Pferd zu zähmen, braucht es Einfühlungsvermögen und vor allem Geduld. Man muss ihm Zeit geben, so erzählt der Junge aus dem Off, während er ein weißes Pferd in der Steppe zureitet, denn wenn man es zu lange antreibt, ihm zu wenig Freiraum gibt, “dann bricht man seine Seele.” Und man sollte auch die Schattenseiten des Tieres akzeptieren: “Eine wilde, freie Seele trägt immer etwas Schlechtes in sich. Das muss man ihnen lassen, sie brauchen das, um hier draußen zu überleben.”

Film basiert auf einem nur fünfseitigen Skript

Die Zügel straff halten, dann wieder loslassen – diese ständige Dynamik bringt auch der Regieberuf mit sich, schließlich sollen hier Menschen unterschiedlichen Charakters dirigiert werden. “Songs My Brother Taught Me” (2015), der erste Spielfilm von Chloé Zhao, wirkt luftig-dokumentarisch, als ob die Kamera unsichtbar dem Alltag der Menschen beiwohnt. Und doch wird auch eine stringente Geschichte erzählt, mit einem Konflikt, Wendepunkten, einer finalen Entscheidung, so, wie man es aus Drehbuchlehrbüchern kennt. Wobei der Film auf einem nur fünfseitigen Skript basierte.

Gedreht hat Zhao ihr Langfilmdebüt in der Pine Ridge Reservation in South Dakota im Nordwesten der USA. Den Großteil ihres Ensembles besetzte sie vor Ort. Es sind Ureinwohner vom Stamm der Lakota, die im Film nun fiktionalisierte Versionen ihrer Selbst spielen. Hauptdarsteller John Reddy spielt John, den Sohn des bekannten Rodeo-Stars Carl Winters, der gleich zu Beginn bei einem Brand ums Leben kommt. Dabei lässt Carl nicht nur John, dessen elfjährige Schwester Jashaun und ihre Mutter in Trauer zurück, sondern eine ganze Sippschaft, bestehend aus 25 Kindern von neun Frauen.

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Dass dieser umtriebige Daddy weitgehend abwesend war, wundert wenig. John, ein ruhig wirkender Teenager am Rande des Erwachsenwerdens, hat seit jeher versucht, die Lücke zu füllen. Er unterstützt seine Mutter, kümmert sich liebevoll um seine Schwester. Das Geld, das er sich mit illegalen Alkoholgeschäften verdient, steckt er jedoch heimlich in den Kauf eines Trucks: Mit seiner Freundin will er das Reservat gen Los Angeles verlassen, ein Plan, von dem er seine Familie nicht unterrichtet hat, von dem aber seine Schwester dann doch zufällig Wind bekommt.

Freiheitsdrang oder das Verbundenheitsgefühl mit Familie

Was ist also stärker: der eigene Freiheitsdrang oder das Verbundenheitsgefühl mit der Familie? Chloé Zhao macht ihrem Protagonisten die Entscheidung schwer, spitzt seine Lage in der Auseinandersetzung mit anderen Alkoholschmugglern zu und porträtiert nebenbei eine Gemeinschaft, die sich angesichts der beschränkten Zukunftsperspektiven im Reservat in den Alkohol und härtere Drogen flüchtet.

Die Landschaft, die Kameramann Joshua James Richards in Detailaufnahmen und in eingestreuten Totalen einfängt, ist jedoch weit. In den Bergen des Reservats treiben sich John und seine Schwester herum, ihre Rufe werden als Echos zurückgeworfen – in der Natur, aber auch in der Tradition findet die Seele möglicherweise einen Widerhall. Weil der Bruder vielleicht bald weg ist, bastelt Jashaun schon an ihrer Selbstständigkeit, dient sich dem künstlerisch begabten Ex-Knasti Travis als Verkäuferin und Buchhalterin an. Im Gegenzug soll er ihr eine Tracht für eine Pow-Wow-Zeremonie schneidern.

Kleidung und auch Musik als Markierung der Zugehörigkeit spielt im Werk von Chloé Zao oft eine Rolle, auch in “The Rider” (2017), ihrem zweiten Spielfilm, der unmittelbar aus ihrem Debüt heraus entstand. Beim Dreh von “Songs My Brother Taught Me” lernte sie Brady Jandreau kennen, einen Nachkommen der Lakota-Sioux, dessen Cowboy-Kluft schon ahnen lässt, dass er als Pferdetrainer seinen Lebensunterhalt verdient. Nachdem Jandreau bei einem Rodeo vom Pferd stürzte und fast tödlich am Kopf verletzt wurde, nahmen die beiden wieder Kontakt auf.

Cowboy und Pferdeflüsterer 

Basierend auf Jandreaus Geschichte schrieb Zhao innerhalb eines Monats ein Drehbuch, das mit 57 Seiten etwas elaborierter war als jenes für ihren Erstling. Erneut drehte sie mit Bewohnern der Pine Ridge Reservation, machte aus Jandreau den Hauptdarsteller und besetzte auch dessen Vater und Schwester – als Vater und Schwester des Profi-Reiters Brady Blackburn, der, eben, nach einem Sturz beim Rodeo seine Karriere aufgeben müsste, aber davon nichts wissen will. Was soll ein Cowboy und Pferdeflüsterer denn schon anderes tun als Pferde zähmen und Rodeos reiten?

Eine weitere Geschichte über eine erzwungene Neujustierung des Lebensentwurfs, ausgelöst durch eine Verletzung des Gehirns. Bei aller Tragik erzählt Zhao auch hier lyrisch-stimmungsvoll, mit einfühlsamen Blick auf eine Männerwelt, die dem Einzelnen Halt gibt, aber auch in Rollenmuster zwängt, inmitten der Weite der Prärie (erneut an der Kamera: Joshua James Richards, mit dem Zhao auch privat liiert ist).
Mit dieser melancholischen Cowboy-Ballade, die 2017 in Cannes uraufgeführt wurde, erlebte Chloé Zhao endgültig ihren Durchbruch.

Werner Herzog und Chloé Zhao mit der Abendzeitung auf der Wiesn

Regisseure wie Werner Herzog, den Zhao zu ihren Vorbildern zählt, waren hellauf begeistert. 2017 bekam Zhao vom Meister persönlich den Werner-Herzog-Filmpreis im Filmmuseum überreicht. Am folgenden Tag ging Herzog mit Chloé Zhao und der AZ sogar auf die Wiesn. Chloé Zhao sagte damals wenig und es blieb unklar, ob ihr der Ausflug in die zweifelhafte Folklore gefallen hat. Beim Besuch der Varieté-Show “Revue der Illusionen” sagte Herzog über “The Rider”: “Film ist stilisierte und damit überhöhte Realität und versucht Mythen zu schaffen: Das gilt auch für ‘The Rider’. Er hat alles, was ein Film braucht, um zu beeindrucken: Mut, Innovation, eine Vision. Und durch die dokumentarisch wirkende Erzählweise dieser fiktiven Geschichte hat sie auch in der Form überzeugt: Es geht um einen Cowboy, der durch einen Unfall nicht mehr weiter reiten kann, also seinen amerikanischen Traum aufgeben muss.”

Auch Schauspielerin Frances McDormand wurde über “The Rider” auf Zhao aufmerksam – und fragte sie an: McDormand hatte zusammen mit dem Filmemacher Peter Spears die Rechte an “Nomadland” erworben, einem Sachbuch der Journalistin Jessica Bruder, die darin das Leben von modernen, mit ihren Vans durch die USA driftenden Nomaden beleuchtet.

Laien als Darsteller

Zhao übernahm die Regie und blieb auch bei diesem Film ihrem semi-dokumentarischen Stil treu: Bis auf Frances McDormand und David Strathairn besetzte sie ihn mit Laien. Viele davon sind tatsächlich Nomaden. Dieses Mal steht eine Frau im Zentrum, die nach dem Tod ihres Manns ihren Platz im Leben sucht. An welchen Dingen hält man fest, wo sollte man loslassen? Liegt Heimat womöglich nicht an einem einzelnen Ort, sondern auf der Straße oder im Herzen? Diese Frage mag auch Zhao selbst beschäftigen: Geboren wurde sie in Peking, kam nach der Scheidung ihrer Eltern mit 15 Jahren auf ein Internat in England, wanderte in die USA aus, wo sie Politikwissenschaft und Filmproduktion studierte – auch sie also eine Wanderin zwischen verschiedenen Welten.

Mit “Nomadland” hat die 39-Jährige den bisherigen Höhepunkt ihrer rasanten Karriere erreicht und gilt als Oscar-Favoritin. Wenn sie gewinnt, wäre sie nach Kathryn Bigelow (“The Hurt Locker”) die zweite Frau – und die erste Frau mit asiatischen Wurzeln -, die einen Regie-Oscar gewinnt.

Bis zur Verleihung am 25. April kann man sich nun ihre ersten zwei Filme anschauen. Und auf ihr nächstes Projekt gespannt sein, das gar nicht zu ihrem bisherigen Œuvre passen will: Für die Marvel Studios hat Zhao “Eternals” gedreht, einen 200 Millionen Dollar Superhelden-Film mit Angelina Jolie. Wieviel Zwang Zhao bei diesem Mammutprojekt erlebt hat, wieviel Freiheit sie sich nehmen konnte? Irgendwie wird sie auch dieses Pferd gezähmt haben. Michael Stadler

“Songs My Brother Taught Me”: Ab heute abrufbar auf Mubi; “The Rider”: abrufbar auf Amazon, iTunes. Der deutsche Kinostart von “Nomadland” wurde gerade auf unbestimmte Zeit verschoben.

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