Nichtstaatliche Museen: Die Mischung macht den Reiz

München – Vielleicht liegt es ja am Namen, aber Dirk Blübaum sieht erst einmal das Positive und die Chancen. Dass der neue Leiter der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen von einer Videokonferenz zur nächsten “eilt”, zeige doch, dass er etwas tun könne. In seinem Fall heißt das: mit einem Team von gut 30 Experten 1.200 Museen quer durch ganz Bayern zu beraten – bei der Vermittlung, der Provenienzforschung, bei der Einrichtung und vielem mehr. Idealerweise macht man das vor Ort, auch da schiebt Corona den Riegel vor. Aber besser am Schirm, als gar nicht, sagt Dirk Blübaum.

Während Corona bekommen viele Institutionen Zuspruch

AZ: Herr Blübaum, Sie sind für Museen in ganz Bayern zuständig, welche Bereiche trifft die monatelange Schließung besonders?
DIRK BLÜBAUM: Die größten Probleme gibt es in der Vermittlung und bei den Restauratoren, denn das sind oft Freiberufler. Die Siemens Kunststiftung unterstützt zum Beispiel Restaurierungsprojekte, damit diese Fachleute weiter beschäftigt werden können. Auch im Bereich der Gastronomie ist es derzeit für die größeren Häuser teils nicht einfach, wobei hier die Corona-Hilfe greifen sollten. Von den Ausfällen für die Pächter ganz zu schweigen. Es gibt aber auch gut aufgestellte regionale Museen, die in diesem Sommer geringere Einbußen hatten.

Weil die Deutschen zu Hause geblieben sind?
Ja, viele Touristen haben ihr Umfeld entdeckt und schätzen gelernt. Die internationalen Besucher sind zwar ausgeblieben, das betrifft vor allem die großen staatlichen Museen. Aber viele Institutionen haben den Zuspruch der Einheimischen erfahren.

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 Landesstelle für nichtstaatlichen Museen

Sie sind von Mecklenburg-Vorpommern nach Bayern gekommen, also vom Norden in den Süden und zugleich vom Osten in den Westen. Das sieht nach einem Kontrastprogramm aus.
Erst einmal liegen München und Schwerin fast auf demselben Längengrad, und mit Heinrich dem Löwen haben sie auch noch denselben Stadtgründer. Natürlich ist die Museumslandschaft eine ganz andere, genauso die Dichte in Bayern im Vergleich zu Mecklenburg-Vorpommern, wo die räumlichen Abstände wesentlich größer sind. Die wissenschaftliche Untermauerung mag in einzelnen Institutionen hervorragend sein, aber das geht nicht wie in Bayern in die Breite.

Der regionale Ausgleich spielt schon eine große Rolle.
Sie hat Tradition, die Landesstelle wurde bereits 1908 ins Leben gerufen. Man ist sich in Bayern sehr wohl bewusst, dass man die Kultur und die Kunst in der Region fördern muss. Nun hat Mecklenburg-Vorpommern 40 Jahre lang ein ganz anderes System gesehen, das darf man nicht vergessen. Kultur wurde in der DDR sehr punktuell gefördert – und gewollt.

Vielfalt von Exponaten in Museen ist “ungemein reizvoll”

Sie haben jetzt mit der ganzen Bandbreite zu tun: vom barocken Porzellan bis zum Traktor, vom mittelalterlichen Schuh bis zur Grafik von George Grosz. Das kann Sie nicht alles gleichermaßen interessieren?
Aber diese Mischung ist ungemein reizvoll. Ich habe in Kassel ja in einem Stadtmuseum begonnen und kenne deshalb das vielfältige Sammeln in einer Kommune. In Friedrichshafen im Zeppelin-Museum kam dann eine sehr technische Seite hinzu. Und in Schwerin hatte ich nicht nur mit einer großen kunsthistorischen, sondern auch mit einer kulturhistorischen Sammlung zu tun – mit Elfenbeinarbeiten, Waffen, Möbeln. Bis auf den naturkundlichen Bereich kann ich also in vielen Gebieten auf Erfahrung zurückgreifen. Den sehr unterschiedlichen Häusern in Bayern zu helfen, ihre Inhalte möglichst gut zu vermitteln, ist für mich die ideale Aufgabe.

Wie stellen Sie sich denn eine gute Vermittlung vor?
Ein Kollege hat kürzlich den schönen Satz gesagt, dass man in den Museen die Fragen und Antworten findet, nach denen man auf Google vergeblich sucht. Die Aufgabe ist, Kultur und eigene Empfindung in Verbindung zu bringen. Wir müssen aber auch die Vermarktung und den touristischen Bereich im Blick haben.

Die Konkurrenz ist groß.
Vor allem im Freizeitbereich. Das Museum hat aber einen relevanten Standpunkt, gerade in der Region. Kultur ist ein wichtiger Faktor, um Menschen am Ort zu halten oder neue anzuziehen. Und verwurzelt ist man dort, wo man Kultur findet und sich in der Kultur wiederfindet.

Entscheidend sei das Storytelling, sagt Dirk Blübaum

Also geht es immer wieder um die gute Geschichte?
Unbedingt. Das “Storytelling” – über die Region, die Menschen, die Exponate – ist auch einer unserer Ansätze bei der App, die wir den Museen zur Verfügung stellen. Damit kann sofort eine Beziehung hergestellt werden. Und interessant wird es für die Besucher dann, wenn sie merken: Das mag etwas Fremdes sein, aber es gehört zu meiner Welt.

Seit Jahren gilt die Digitalisierung als Allheilmittel. Manche Museen haben sich mit Online-Angeboten fast überschlagen. Man hat aber auch gesehen, dass es nicht ausreicht, ein paar Bilder eben mal ins Netz zu stellen.
Ja, bei manchen Angeboten kann man sich überlegen, ob sie nicht verbesserungswürdig sind. Wie wichtig die Digitalisierung sein kann, hat man am Frankfurter Städel gesehen. Das hat eine sehr gute Vorreiterrolle eingenommen. Mit großem Erfolg! Was uns nun an der Landesstelle interessiert, ist der nächste oder übernächste Schritt. Corona wird irgendwann wieder abebben. Dann stellt sich die Frage, wie das Museum der Zukunft aussieht: Das Analoge wird wieder hinzukommen, das Digitale bleiben, aber welche hybriden Formate werden dann gefordert sein?

Können kleine Museen noch mithalten?

Die Besucher sind inzwischen auch sehr verwöhnt. Sei es durch die großen Häuser, sei es durch die medialen Angebote. Können da kleinere Häuser überhaupt noch mithalten?
Das kann durchaus gelingen. Die Museen müssen sich allerdings bewusst sein, wo ihre Schwerpunkte liegen. Entscheidend sind dann eine gute Sammlungskonzeption und inhaltliche Klarheit. Es macht keinen Sinn, wenn man in zehn Kilometern Abstand auf ein ähnliches Museum trifft. Es geht um das Herausstellen der eigenen Geschichten und um das Alleinstellungsmerkmal. Damit kann auch ein sehr kleines Museum attraktiv sein. In den großen Häusern trifft man immer wieder auf die gleichen Namen, das finde ich gar nicht so interessant. Man will doch auch mit etwas anderem oder Neuem konfrontiert werden.

Haben wir zu viele Museen?
Wir haben auf jeden Fall viele Museen, und es muss sich jedes Haus prüfen: Was kann ich zeigen? Wie relevant ist das? Manchmal wäre es besser, sich mit zwei, drei Museen am Ort zu verbinden. Das Neue ist ja nicht per se der richtige Weg. Sich flächendeckend zu musealisieren, macht keinen Sinn.

Werfen Sie doch einen Blick in die Zukunft der Museen.
Das ist zurzeit schwer, weil sich gerade viel verändert. Das hat man auch bei anderen Pandemien gesehen. Es wird sich im Arbeitsprozess einiges ändern, das betrifft nicht nur das Homeoffice. Das Leben wird schon in Teilen neu justiert, und da bleiben Museen nicht außen vor. Schon deshalb, weil sie im guten Fall ein Teil des Lebens sind.

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