Künstler im Lockdown: Die Kunst des Improvisierens

– Etwa zur gleichen Zeit, als der Lockdown im Frühjahr ausgerufen wurde, bekam ich die Zusage für eine ganz neue Herausforderung und Chance in meiner beruflichen Karriere.

Ich bin Mitglied des neuen Ensembles der Lach- und Schießgesellschaft. Krass, mega, das muss ich feiern, Konfettikanone an, Wein auf… ach nein, geht ja nicht. Also geht schon, allein auf dem Balkon, mit einem Glas Wein und dem Babyphon nebendran, während mein Mann das Wohnzimmer saugt. So feierte ich meinen Erfolg. Mein neues Bühnenleben!

Zuvor hatte ich bis auf wenige Experimente nichts mit Kabarett zu tun: Seit Jahren bin ich in München, Deutschland und auch international als Schauspielerin und Trainerin im Improvisationstheater unterwegs. Impro, das heißt: Spielen und Singen aus dem Stegreif, auf Zuruf des Publikums, in größeren Teams, aber auch im Duo oder alleine. Jetzt aber, plötzlich, von Null auf Hundert, war ich Teil eines der bekanntesten, ältesten politischen Kabarettensembles.

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Wie ich dazu kam? Es gab einen Aufruf auf Social Media, dass neue Mitglieder gesucht werden, und ich dachte mir, naja, klingt schon gut, probier ich’s mal aus und schick was hin. Es folgte die Einladung zum Casting, das im März, gerade noch vor dem Lockdown, live in der Haimhauserstraße stattfand. Die Zusage kam dann, als ich und alle anderen schon im Corona-Exil waren. Die ersten Ensembleproben mit den neuen Kollegen, Sebastian Fritz und Frank Klötgen, fanden virtuell statt.

Als wir dann eines Tages erstmals in die heiligen Hallen von Dieter Hildebrandt durften, war die Motivation, Texte und Ideen zu entwickeln, immens groß. Wir diskutierten, lernten uns kennen, entwickelten ein Konzept für das Programm, mit welchem wir fest vorhatten, direkt nach Corona, im Oktober, Premiere zu feiern. Zack. Regisseur Sven Kemmler kam dazu. Boom. Es läuft. Wir hatten die volle Unterstützung von Till Hofmann und seinem Team. Yeah.

Dann kam mal wieder: Söder. Lockdown light.

Im Sommer spielten wir dann Open Air, um erste Nummern auszutesten. Live. Vor Menschen. Das war mein Spätsommer. In der Seidlvilla. Mit den Größen des Kabaretts an bunten Abenden, quasi ein Rundumschlag mit Constanze Lindner, Michael Mittermeier, Luise Kinseher, Ulan & Bator und vielen mehr. Unsere Premiere mussten wir aber immer weiter verschieben. Größere Räume als die Lach- und Schießgesellschaft kamen ins Spiel, um trotz Corona die gleiche Menge an Leuten reinzubekommen. Leo17 und Lustspielhaus sollten es sein. Super. Also los: Stück fertig kriegen.

Dann kam aber mal wieder: Söder. Lockdown light. Wartegleis. Spätestens, als man lesen konnte, dass das auch für die Kunst und Kultur wieder den vollkommenen Stillstand bedeutet, wussten wir, dass wir unsere Premiere weiterhin von Woche zu Woche verschieben, dass wir wieder alleine an unseren Texten schreiben und uns immer wieder neu ausrichten müssen. Was wir gerade auch tun. Unerschütterlich und weiterhin bis in die Haarspitzen motiviert. Unseren ersten Abend feiern wir vor ausverkauftem Haus und Publikum, da sind wir uns einig. Egal, was kommt. Dann warten wir eben wieder. Und wenn wir nur vor zwei Haushalten spielen werden – das ziehen wir durch!

In der Zwischenzeit mache ich wieder das, was ich schon vorher und auch in der ersten Pandemiezeit gemacht habe: Studierende betreuen an der TU München an der Fakultät für Architektur. Das ist mein erstes, zweites oder drittes Standbein. Ich merke, was das Uni-Leben und mein Schauspielleben betrifft, ist mir die Interaktion mit Menschen live und in Farbe einfach lieber. Ich will mich direkt mit KollegInnen über Inhalte austauschen, mit ihnen neue Projekte entwickeln und in der Pause den Alpenblick vom Dach genießen. Jetzt ist halt alles wieder online. Ja klar: Umstellung. Ja klar: anstrengend.

Aber so ist das mit Veränderungen. Wie muss es erst den Erstsemestlern gehen? Erst keine Abifeier und jetzt auch noch kein richtiger Semester-Start mit Erstipartys (die man heute Superspreader-Events nennen würde) und Kennenlern-Aktionen. Das alles findet jetzt via Zoom statt, vielleicht von einer WG aus oder aus dem Kinderzimmer bei den Eltern, um die Miete zu sparen. Immerhin: Man kann jetzt in München studieren, ohne die Münchner Mieten stemmen zu müssen.

Aber hey, liebe Erstsemestler, so wie ihr werden nicht viele ihren Studienbeginn erleben! Das ist wie ein Blind-Date-Studium: Da wachst du nicht in fremden Betten auf oder verpasst die Trambahn zur Vorlesung. Nein. Du sitzt in deinem Bett, machst den Laptop an und bist schon da und ich bin vielleicht auch da und erzähle dir gleich etwas über Gebäudetechnologie und klimagerechtes Bauen. Danach kannst du gleich wieder Netflix anmachen und dein Mittagessen beim Asiaten holen.

Die Freude überträgt sich auch über das Tablet

Na gut, so ganz ohne Bühne halte ich es jetzt auch nicht aus. Headset an, Kamera ausrichten und rein in den Online-Zirkus. Zusammen mit meinem Impro-Ensemble Bühnenpolka spiele ich neuerdings nur noch virtuelle Shows aus dem Studio im Theater Heppel & Ettlich. Also: Die ZuschauerInnen klinken sich online ein und geben uns live vor, was wir spielen sollen. Früher hießen die Highlights unseres Jahres noch Circus Krone, Tonhalle oder das Schloss. Jetzt gibt es neue Bühnen. Zoom. Teams oder Streams auf Social Media. Dass diese Bühne dabei immer die gleiche ist, ist mir egal. Ich darf sie mit Leben und meinen Geschichten füllen.

Früher gab es nach der Vorstellung den tosenden Applaus, das direkte Feedback, die funkelnden Augen. Jetzt gibt es GIFs mit klatschenden Leuten, Emojis und Daumen nach oben. Viele meiner KollegInnen meinen immer, dass das Impro-Spielen ohne Live-Publikum nicht geht. Tut es aber, nur anders. Wenn du dir klar machst, dass auf der anderen Seite Familien um ihr Tablet versammelt sind, CEOs in Jogginghosen die willkommene Abwechslung zum Dauermeeting genießen oder einfach Fans da sitzen, die sich auf ein bisschen Kultur freuen, dann überträgt sich diese Freude auch auf dich.

Mit Kultur für einige Zeit den Alltag vergessen

Zwischen dem ersten Lockdown, heavy oder dark, und dem zweiten Lockdown, dem lighten, konnte ich auch mit meinem anderen Impro-Ensemble, dem fastfood-theater im Schlachthof spielen: vor ungefähr 50 Leuten im großen Saal mit Plexiglas-Trennwänden, wo eigentlich normalerweise um die 400 Zuschauer eng an eng für Hexenkessel-Stimmung sorgen.

Das Grandiose daran war und ist: Diese fünfzig ZuschauerInnen wissen, dass sie mehr denn je ein wichtiger Teil des Abends sind und sie sind gerade deshalb so präsent und laut, wie es die üblichen 400 manchmal nicht hinbekommen.

Ein solches Mini-Publikum ist sehr dankbar dafür, dass es eine Möglichkeit gibt, Kultur zu erleben und mal für einige Zeit den Alltag vergessen zu können. Dieses Vergessen im Lockdown zu ermöglichen, ist nicht leicht. Aber das mache ich gerne.

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