Ein Update für Mozart

Erst fällt das F-Wort, später ein anderes unaussprechliches mit einem S am Anfang. Der Gamer spielt schimpfend weiter und gibt computerspieltypische Geräusche wie “Pfrfr”, “tshll” oder “pchoa” von sich. Aus den Lauten entwickelt sich ein Rhythmus, der die durchaus operntraditionelle Klage einer Sopranistin begleitet, die ihren Bariton im Bett vermisst.

Das mit 15 Musikern besetzte Orchester setzt erst in der zweiten Szene von “Singularity” ein. Miroslav Srnka setzt in seiner neuen Oper primär auf die Stimmen und ihre Möglichkeiten zwischen Gesang und Geräusch. Der 46-jährige Tscheche hat sie ausdrücklich für die jungen Stimmen des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper komponiert und ihnen dabei nichts geschenkt: Es geht sehr oft hoch hinauf. Neben dem Gesang wird viel rhythmisch gesprochen – wie etwa im ausführlichen, unbegleiteten Schlussensemble, das auf eine lange Liebeserfüllungskantilene folgt.

“Singularity” ist eine Art Update von Mozarts “Così fan tutte” in die unendlichen Weiten des Raums. Die Rolle des Don Alfonso vertritt ein veralteter Supercomputer, der in einem Weltraum-Spa als Infobox werkelt. Allerdings kommt es unter den durch Gedankenstimmen verdoppelten Figuren gar nicht erst zu einer Treueprobe: Sie müssen erst durch ihre Neurosen und Kommunikationsstörungen hindurch, um überhaupt Momente der Zweisamkeit erfahren zu können.

Zum offenen Schluss leuchtet das Cuvilliéstheater im Schein von Diskokugeln wie eine Galaxis (Licht: Benedikt Zehm). Die Gedankenstimmen agieren als schwarze Doubles mit Strumpfmasken (Kostüme: Andrea Schmidt-Futterer). Nicolas Briegers Inszenierung zeichnet die Handlung firlefanzfrei nach. Dass die emotional gehemmten Figuren bisweilen ins Zappelige abgleiten und manches Beziehungsproblem im Ungefähren verbleibt, liegt mehr am sprachlich verspielten Textbuch von Tom Holloway, der bereits die Texte zu Srnkas “Make no Noise” und “South Pole”, die ebenfalls von der Bayerischen Staatsoper vor dem Marstall (2011) und im Nationaltheater (2016) uraufgeführt wurden. Im Unterschied zu diesen Libretti ist “Singularity” nach guter alter Operntradition für sich unlesbar verwirrend. Es entfaltet auf der Bühne aus dem Mund der Figuren anfangs erst überraschende Klarheit, auf die dann einige Durchhänger folgen, wenn sich die Geschichte im Episodischen verliert.

Das von Patrick Hahn geleitete Klangforum Wien übernahm primär eine begleitende Funktion zum Gesang und dem von der Neuen Musik anverwandelten Rap. Dazu wurden Samples eingespielt, die sich mit den in erster Linie geräuschhaft eingesetzten Instrumenten zu einer Klangkulisse mit elektronischer Anmutung verbanden: wie der Weltraum eben angeblich klingt.

Außerirdische Schauplätze bleiben Geschmacksache. Man könnte leicht nun über den etwas angestrengten Futurismus, die Computersprache und die sehr demonstrative Jugendlichkeit dieser Oper spotten. Aber damit würde das Entscheidende verfehlt: die wahrhaft sensationelle Ensembleleistung der acht Sängerinnen und Sänger des Opernstudios: Andres Agudelo, Eliza Boom, Andrew Hamilton, Theodore Platt, Daria Proszek, George Vîrban, Juliana Zara und Yajie Zhang singen ihre nicht einfachen Rollen mit müheloser Leichtigkeit und auf dem Niveau eines spezialisierten Vokalensembles für Neue Musik.

Die Premieren des Nachwuchses haben sich während der Intendanz von Nikolaus Bachler zu einem Höhepunkt des Münchner Opernjahrs entwickelt. Das muss man hervorheben, weil es gar nicht so lange zurückliegende und ansonsten ruhmreiche Zeiten an der Staatsoper gegeben hat, in denen das Opernstudio mehr als Pflichtübung betrachtet wurde. Unter Bachler war es eine Hauptsache. Die letzten Jahrgänge des Opernstudios waren auch im Repertoire in kleineren und mittleren Rollen stark präsent, viele Ehemalige sind international an mittleren und großen Häusern aktiv.

Dass sich das Opernstudio nach viel Klassischer Moderne nun in Bachlers Finale bei einer Uraufführung bewährt, möge man programmatisch verstehen: Zur Oper gehört nicht nur die erneuerte Wiederholung der Tradition, sondern auch das Wagnis des Neuen – gerade im Cuvilliéstheater, das für jährliche Uraufführungen in der Karnevalszeit erbaut wurde.

So zukunftsorientiert wie ein Kurfürst dürfen wir Bürger im 21. Jahrhundert auch sein. Mindestens.

Robert Braunmüller

Wieder am 9., 11. und 12. Juni im Cuvilliéstheater. Karten unter staatsoper.de oder Telefon 2185 1920

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