Bildband über die Plastic Ono Band – give Peace a Chance!

Vierzig Jahre nach John Lennons Tod müsste alles über ihn geschrieben und gesagt sein. Jetzt erscheint aber ein großformatiger Bildband, der aus ungewohnter Perspektive deutlich macht, wie vielseitig der Gründer der Beatles war und wie groß die Wissenslücken bezüglich jener Band immer noch sind, die für John der ideale Fab-Four-Ersatz bedeutete: Die Plastic Ono Band.

Deren Gründung geht zurück auf eine Idee Yoko Onos. Sie war 1967 nach Berlin für eine Performance eingeladen worden und hatte sich dafür artifizielle Performer ausgedacht. Statt echter Künstler sollten Gebilde aus Plastik auf der Bühne stehen, die mittels selbsttätiger Mechanik Geräusche erzeugen, Musik-Instrumente bedienen oder Tonbänder abspielen.

Plastic Ono Band – die neuen Beatles?

Ein Jahr später waren Yoko und John ein unzertrennliches Paar und die Beatles in der Krise. Yoko erläuterte John ihre Roboter-Idee. Der Beatle griff sie begeistert auf und entwickelte sie weiter. Er nahm ein Stück Holz als Bühne und stellte darauf vier Gegenstände: einen Briefbeschwerer, die leere Hülle einer Kompaktkassette und zwei Plastikteile eines Vinylbürstenetuis. Er taufte das PVC-Ensemble Plastic Ono Band. Yoko machte eine Skulptur daraus. Waren das die neuen Kunststoff-Beatles?

Das erste Lied, das John Lennon ohne Paul, George und Ringo verwirklichte, wurde am ersten Juni 1969 in Montreal in einer Suite des Hotels Queen Elizabeth am Ende eines einwöchigen Bed-Ins aufgenommen. “Jeder redet über Sackismus, Teppichismus, Fummelismus, irrer Ismus, Lumpenismus, Etikettismus. Dieser Ismus, jener Ismus. Ismus, Ismus / Jeder redet über Revolution, Evolution, Masturbation, Integration, Meditation”.

Damit antizipierte John Lennon den späteren Sprechgesang im Hip-Hop. Lennon, der frühe Rapper, der schnell und rhythmisch markant seine politische Botschaft unters Volk bringt: “Alles, was wir sagen ist: Gebt dem Frieden eine Chance”. Die Soundqualität ist dürftig. Es geht nicht um Perfektion. Es geht um die Message.

Eine kleine und eingängige Melodie im Refrain transportiert den Wunsch nach Weltfrieden: “All we are saying is give peace a chance.” John betont später den besonderen Charakter der Worte: “It wasn’t like, ‚You have to have peace!’, just give it a chance”. Kein Befehl, lediglich ein Vorschlag, eine Idee, eine Einladung, die Sache anders zu sehen, eine Veränderung in Betracht zu ziehen.

Die Single erscheint unter dem Namen Plastic Ono Band und erreicht Platz zwei der Charts in Großbritannien. Auf dem Cover sind futuristische Plastik-Installationen zu sehen. Am 15. November 1969 singen fast eine halbe Million Menschen das Lied vor dem Weißen Haus in Washington, in dem sich Richard Nixon aufhält. Als John das im Fernsehen sieht, ist das für ihn “einer der größten Augenblicke in meinem Leben”.

Viele bislang unveröffentlichte Fotos von Annie Leibovitz

Das Buch präsentiert nicht nur Original-Cover und Entwürfe der Plastic Ono Band Platten, die handschriftlichen Lyrics Lennons, viele bislang unveröffentlichte Fotos von Annie Leibovitz sowie neue Zeichnungen von Klaus Voormann, sondern auch zahlreiche Briefe, Hintergrundgeschichten, Interpretationen und Kommentare von Ringo Starr oder Eric Clapton. Der Zeitraum umfasst die Anfänge 1967 mit Exkursionen in die Kindheit und Jugend von John und Yoko bis hin zu den beiden Plastic-Ono-Alben von 1970.

Künstlerischer Ausdruck, Psychoanalyse und Wahrheitssuche führen zu einer persönlichen Transformation und zum Ende der Beatles, festgehalten im Song “God” mit den Worten: “I don’t believe in Beatles, I just believe in me, Yoko and me … the dream is over”, eine Kadenz, die der Musikkritiker Greil Marcus als “may be the finest in all of rock” bezeichnete.

Idealer Ausweg aus dem Beatles-Kosmos 

Jedes Detail beim Entstehungsprozess der Plastic Ono Band und ihrer Entfaltung kommt im Buch zum Ausdruck. Erstmals wird wirklich deutlich, warum für John Lennon dieses Avantgarde-Konzept einer Fluxus-Band ohne feste Mitglieder der ideale Ausweg aus dem Beatles-Kosmos war.

Einen der Höhepunkte im Bildband bildet eine Doppelseite mit dem Porträtfoto Lennons von vorne und hinten, das dem “White Album” beiliegt. John hatte es in 134 rechteckige Teilchen zerschnitten und auf den Rückseiten seines persönlichen Puzzles jeweils Worte notiert von “choose” und “cloud” über “daydream” und “julian” bis hin zu “us” und “ono”.

John Lennon und Yoko Ono: “John & Yoko / Plastic Ono Band – By John Lennon & Yoko Ono – With contributions from people who were there” (Thames & Hudson, 288 S., 35,99 Euro)

Quelle: Lesen Sie Vollen Artikel