Beethoven-Livestream aus der Bayerischen Staatsoper: Der Hall der Menschheit

München – Auf abgedunkelter Bühne werden wir bei Kerzenschein mit Volksliedern begrüßt: Die stille Gesellschaft versammelt sich. Geistliche Gesänge rufen eine bußfertige Stimmung hervor. Dann wird das Testament verlesen.

Schließlich entlässt uns eine stille Gedenkmusik aus der Zeremonie. Kurzum: Das jüngste Montagskonzert aus der Bayerischen Staatsoper gleicht dramaturgisch einer Trauerfeier. Zu Grabe getragen wird – das Beethoven-Jahr.

Filmische Aufbereitung tritt diesmal störend in Erscheinung

So kann man es zumindest verstehen, und es spricht ja auch viel für einen solchen Akt. Die Pandemie hat die weltweit geplanten Festivitäten zum 250. Geburtstag des Komponisten buchstäblich sang- und klanglos eingehen lassen. Selbst diese Aussegnung muss ohne anwesende Gäste live ins Internet gesendet werden.

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Es ist eine schöne Leich’ geworden; nur tritt dieses Mal die filmische Aufbereitung störend in Erscheinung. Wenn Staatsintendant Nikolaus Bachler gebührend matt den Brief an Beethovens Brüder, das “Heiligenstädter Testament”, rezitiert, umkreist ihn die Kamera so ruhelos, dass dem Zuschauer fast schwindlig wird.

In diesem Dokument schildert der Komponist seine existentielle Verzweiflung. Das müsste man einfach, karg abfilmen. Aber man kann ja auch einmal die Augen schließen. Dann hört man einen enormen Hall, der aus der leeren Staatsoper wie aus einem Kirchenraum zurückschallt: Lise Davidsen trägt Beethovens sechs Lieder auf Texte des seinerzeit berühmten Moralisten Christian Fürchtegott Gellert vor.

Sängerin Lise Davidsen spricht hier für die gesamte Menschheit

Mit ihrer stimmlichen Monumentalität kann die Norwegerin auch in dem einst populären “Die Himmel rühmen” die tiefen Töne wunderbar kraftvoll setzen. Für die demütigen Passagen überführt sie ihren Sopran in ein samtig schimmerndes Piano, dem auch ein kühler Hauch mitgegeben werden kann. Hier spricht eine Sängerin für die gesamte Menschheit. Sehr beethovenesk.

Einen ganz anderen Beethoven zeigt Edwin Crossley-Mercer. Der Franzose berückt in den Schottischen Liedern op. 108 mit einem männlich-starken Bariton, einer jener balsamischen Stimmen, denen man nur wegen ihrer Klangschönheit zuhört. Dazu gestaltet er diese Volksliedbearbeitungen mit einer Mischung aus Noblesse und Raffinement, die genau jene gepflegte Langweile fernhält, die man diesen Gesellschaftsliedern nachsagt. Diesem Beethoven, der nicht überwältigen oder überreden will, begegnet man selten. Wenn nur jede Trauerfeier so schön wäre.

Auf staatsoper.tv ist das Video kostenpflichtig abrufbar.

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