Beethoven als Gesamtedition: Zu Tode geliebt und jung erfrischt

Dies ist beileibe nicht die einzige Gesamtausgabe sämtlicher Werke Ludwig van Beethovens auf CD. Und auch nicht die erste der Deutschen Grammophon. Viele Sammler werden noch einzelne Kästen aus der “Complete Beethoven Edition” im Schrank stehen haben, die das gelbe Label 1997 auf den damals noch florierenden Markt brachte.

Der Anlass war damals der eher unrunde 170. Geburtstag des Meisters, doch der Musikfreund, der an entlegenen Werken interessiert war, etwa an der weltlichen Vokalmusik oder den Kompositionen für die Bühne, konnte hier bequem Vollständigkeit herstellen. Viele dieser Werke sind nun in der neuen Gesamtedition in denselben Einspielungen vertreten.

 

“New Complete Edition” ist noch vollständiger

Wenn es also den ganzen Beethoven schon einmal auf CD gab, was ist an dieser “New Complete Edition” anders? Zunächst ist diese Gesamtschau tatsächlich noch einmal vollständiger. Das frühe Menuett C-Dur WoO 218 für Klavier darf Lang Lang sozusagen aus der Taufe heben – und ist sich seiner Verantwortung hörbar bewusst, so sehr legt er jeden Ton auf die Goldwaage. Eine Fülle der übrigen verstreuten kleineren Klavierstücke, vor allem Tänze und einzelne Sonatensätze, hatten Mikhail Pletnev und Gianluca Cascioli hingegen bereits für die ältere Edition eingespielt.

Dafür wird dieses Mal ein ziemlicher privater Blick in Beethovens Werkstatt möglich. Denn Tobias Koch stellt auf dem Fortepiano dessen kontrapunktische Studien vor: Fugen, die nach Lehrbuch klingen – was ja auch ihr Zweck war. Immerhin spielt Koch das mit einer Empfindsamkeit, als ob es sich um inspirierte Werke handeln würde. Diesen Studienarbeiten entspricht gleichsam am anderen Ende des Spektrums eine Premiere, die ein Licht auf den spätesten Beethoven wirft, nämlich das fünfminütige Fragment eines Streichquintetts C-Dur. Es war posthum als “Letzter musikalischer Gedanke” veröffentlicht worden und ertönt hier feierlich mit Daniel Hope als Primgeiger.

 

Ständig Gespieltes steht beinahe Ungehörtem gegenüber

Klingt alles ein wenig randständig? Vielleicht. Doch das ist der Sinn einer solchen Gesamtschau, die eben auch weniger Bedeutendes zu Tage fördert, das nur für den interessant ist, der von einem Komponisten wirklich alles kennenlernen will. Wenn man sich durch diese Gesamtbox hört, fällt einem auf, dass ein Riss durch Beethovens Oeuvre geht: Auf der einen Seite stehen die ständig, möglicherweise zu oft gespielten Stücke, Symphonien, Klavierkonzerte, Sonaten, Streichquartette, Missa solemnis und “Fidelio”; auf der anderen eine Menge von ehrgeizigen Werken, denen man praktisch nie begegnet, etwa dem Tripelkonzert, der C-Dur-Messe und dem Quintett für Bläser und Klavier Es-Dur – um nur wenige zu nennen. Solche vernachlässigten Werke gibt es bei allen großen Komponisten, doch bei Beethoven scheint die Diskrepanz zwischen dem fast Totgeliebten und dem Verdrängten besonders krass zu sein.

Ablesen kann man diesen für die Rezeption bezeichnenden Umstand auch an der Menge der CDs. Aus den seinerzeit 87 CDs wurden nun noch imposantere 118 Stück. Wie erklärt sich das Anwachsen um über 30 Platten? Dadurch, dass die zentralen Werkzyklen hier in mehreren Versionen vorliegen, die Symphonien etwa gleich dreimal.

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In der älteren Box waren sie durch die immer noch klassische Gesamteinspielung Herbert von Karajans mit den Berliner Philharmonikern aus den frühen 1960er repräsentiert (sie ist in dieser Box auf Blue Ray enthalten). Heute setzt die Firma Universal, ganz zeitgemäß, auf Diversität: Es kommen jeweils verschiedene Dirigenten dran. Allein den Wiener Philharmonikern ist ein vollständiger Symphonien-Zyklus gewidmet, darunter finden sich die hinreißenden, einzigartig geschmeidigen Einspielungen der Fünften und Siebten mit Carlos Kleiber, die neue, detailreiche der Achten von Andris Nelsons, eine etwas altväterliche “Pastorale” von Karl Böhm, aber auch Entdeckungen wie eine federnde “Eroica” unter Pierre Monteux und eine strenge Vierte unter Hans Schmidt-Isserstedt.

Die Abwechslung ergibt Sinn

John Eliot Gardiners historisierender, virtuoser, doch geheimnisloser Zyklus ist zwar auch mit drin, aber ansonsten ist das Feld, auch bei den Solokonzerten, den konventionellen Klangkörpern überlassen – eine Trendwende? Ähnlich bunt sieht es bei den Streichquartetten aus, die sich das Emerson String Quartet, das Takács Quartet und das Hagen Quartett aufteilen, sowie bei den Klaviersonaten, deren Interpretationen jeweils handverlesen wurden: Für die Sonate Nr. 4 Es-Dur, die “Waldstein”-Sonate und die “Appassionata” beispielsweise gibt es keine bessere Wahl als Emil Gilels.

Die Abwechslung ergibt Sinn, weil die kompletten Zyklen von Claudio Arrau, Alfred Brendel und Maurizio Pollini ohnehin schon viele Musikfreunde zu Hause haben werden. So aber wird man durch unterschiedliche Zugangsweisen erfrischt. Viele Entdeckungen wird selbst ein Beethovenianer bei den teils umfangreichen Werksammlungen machen, die so gut wie nie im Konzert zu hören sind, aber schon in der älteren Edition enthalten waren: etwa bei den Kantaten, den ultrakurzen, doch geistreichen Kanons, und den unzähligen Bearbeitungen schottischer, irischer und walisischer Volkslieder.

Eine Menge zu hören? Ja. Aber wer es sich finanziell und zeitlich leisten kann, entdeckt ein vielschichtiges, oft auch in sich widersprüchliches, zwischen Unglaublichem und mancher Banalität changierendes Gesamtwerk jenseits des Gemeinguts von Mondscheinsonate, Schicksalssymphonie und “Freude schöner Götterfunken”. Und man hat ja noch ein wenig Zeit, denn es wird wohl noch eine Weile dauern, bis die Konzertsäle wieder aufmachen.

Ludwig van Beethoven: The New Complete Edition. 118 CDs, drei Blue Ray-Discs, zwei DVDs und Begleitbuch, ca. 230 Euro (Deutsche Grammophon)

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