Auf zu den Sternen: Münchner Frauen-Popband Siea veröffentlicht Debütalbum

München – Sally Ride war die erste US-Amerikanerin im Weltraum – und mit 32 Jahren auch noch die Jüngste. Später begeisterte sie als Sachbuch-Autorin vor allem Mädchen für wissenschaftliche Themen. Und dennoch hat die 2012 im Alter von nur 61 Jahren verstorbene Astrophysikerin nie die weltweite Bekanntheit eines Neil Armstrong erreicht.

Die Münchner Big-Band repräsentiert starke Frauen

Ein Umstand, den auch die Münchner Frauen-Big-Band Siea kaum ändern wird. Und dennoch passt es ins Konzept, dass das Debütalbum des Septetts bereits mit seinem Titel “Ride” auf die heute verkannte US-Astronautin verweist. Denn Siea, ein Kunstwort aus “Sie” und dem englischen Wort für Meer, Sea, steht auch dafür, starke Frauen zu repräsentieren.

“Ich will schon ein weibliches Role Model für mein Instrument sein”, erklärt die Bassistin Julia Hornung im Gespräch. Und ist dabei auch stolz, dass in ihrem Studiengang an der Münchner Hochschule für Musik und Theater nun nicht mehr nur eine, sondern immerhin vier Bassistinnen ausgebildet werden.

Ungewöhnliche Ästhetik

Den Titel “,Ride’ interpretieren wir aber auch wie eine Fahrt oder einen Trip durch das Album und auch generell so unseren Weg bis hierher”, ergänzt Siea-Frontfrau Antonia Dering, deren Schwester Carlotta als achtes Bandmitglied im Hintergrund die ungewöhnliche Ästhetik der Performances gestaltet.

Die Band musste sich aus finanziellen Gründen verkleinern

Tatsächlich ist es wohl auch ihrer Disziplin und Energie zu verdanken, dass das Album während der Corona-Pandemie überhaupt produziert werden konnte.

Denn alle elf von Dering, Patricia Römer und Amélie Haidt für “Ride” geschriebene Songs und Zwischenspiele waren zu 90 Prozent fertig, bevor sie dann im Studio scheibchenweise – erst kamen Bass und Schlagzeug, später die Sängerinnen – aufgenommen werden konnten: ein dem Virus angepasster Produktionsprozess, der eine exzellente Vorbereitung und ein Höchstmaß an Vertrauen voraussetzt.

Aber auch Opfer gab es auf dem steinigen Weg: Schweren Herzens musste sich die Band aus vor allem finanziellen Gründen dreieinhalb Jahre nach ihrer Entstehung von zehn auf nun sieben Mitgliederinnen verkleinern.

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Leicht macht es sich Siea auch bei anderen Dingen wie der schwierigen weiblichen (Um)Besetzung des Schlagzeugs nicht. Ein Quotenmann würde das All-Female-Konzept dann doch ad absurdum führen. Trennen wollte sich Siea, so Hornung, dagegen auch von musikalischen Irrläufern, die ein künstlerisches Abheben wohl langfristig verhindert hätten.

Jazz trifft auf Techno und Disco-Funk

Denn um den Ansprüchen eines durchaus kommerziellen Avantgarde-Popalbums – sprich einem Mix aus Jazz, Techno-Ballade und Disco-Funk – gerecht zu werden, musste man sich vom eigenen Jazz-Studium, von der Lust am Improvisieren, erst einmal lösen.

“Die Betrachtung als Kollektiv, wo sich der einzelne zurücknimmt, war bei unserer reinen Frauenband aber kein Thema. Bei der Arbeit in Männerbands habe ich das häufig anders wahrgenommen, da wollten sich Solo-Musiker öfter auch profilieren”, sagt Hornung süffisant, ohne deshalb abwertend klingen zu wollen.

Künstlerische Geschlossenheit

Die künstlerische Geschlossenheit ist dem Album, das auch eine Suche nach einem neuen Zuhause, nach Anerkennung sein will, anzumerken. In dem verträumt-bläserlastigen “Silicone Heart” beschreibt Siea die Angst vor einer Apokalypse und die Flucht auf einen neuen Planeten.

Feministische Themen finden sich dann wieder im einprägsamen, elektronischeren “We are Fine” mit mantraartigen Wiederholungen der auch körperlichen Selbstbestimmung (“I feel fine – the body is mine”).

Livestream am 5. Mai

Was das Album bei aller Vielseitigkeit nicht abbilden kann, ist die Pandemie bedingt gestörte Lust von Siea am Live- Erlebnis, die Aufforderung zum Tanz.

Aber auch Hornung hofft, dass sich die musikalische Mission der Band mit ihrer groovenden Experimentierfreudigkeit beim Live-Stream am 5. Mai über den Bildschirm auf die Hörer überträgt – vielleicht gerade auch, wenn das soulige Album-Highlight “Siea Knows” erklingt.

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Ansonsten bleibt der Glaube an den Open-Air-Sommer, wo Männer, Frauen und vielleicht auch angehende Astronautinnen endlich wieder gemeinsam die Sterne am Nachthimmel zum Tanzen bringen sollen.

Konzert zum Album am Mittwoch, 5. Mai, als kostenloser Stream auf: www.import-export.cc. Beginn 20 Uhr. Um Spenden wird gebeten.

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