Andris Nelsons im Gasteig: Die Richtigen kommen zusammen

München – Der Gewandhauskapellmeister und Chefdirigent des Boston Symphony Orchestra gehört eigentlich zum Revier des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks. Dort hat er schon oft gastiert. Und ein ehemaliger Schüler von Mariss Jansons ist er auch.

Vitale Art von Nelsons trifft auf spontane Philharmoniker

Trotzdem: Die vitale Art von Andris Nelsons passt eigentlich viel besser zu den eher spontan musizierenden Münchner Philharmonikern. Eigentlich hätte Myung-whun Chung die letzten Konzerte vor dem Lockdown im trostlos leeren Gasteig dirigieren sollen. Der Südkoreaner konnte wegen der gegenwärtigen Quarantänebestimmungen nicht einreisen. Nelsons war zufällig frei, und eine ausgesprochen glückliche Konstellation trat ein.

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Das Konzert begann kraftvoll, gar ekstatisch mit einer “Danse” von Claude Debussy in der Orchesterfassung von Maurice Ravel. Nelsons und den Philharmonikern gelang die Gratwanderung zwischen klanglicher Verfeinerung und Kraft. Schon hier zeigte sich, wie gut sich Nelsons darauf versteht, die Energie zu dosieren und Höhepunkte wirklich als Entladungen zu inszenieren.

Dirigent im Gasteig nie überhetzt

Beethovens Pastorale profitierte nicht nur von der schlanken Streicherbesetzung und der auf diese Weise optimierten Balance zwischen Streichern und Bläsern, sondern auch vom schnellen, aber nie überhetzten Tempo des Dirigenten. Die minimalistische Wiederholung der Motivzellen glitt nie ins Mechanische ab, die schön gespielten Bläser-Soli legten viel Ausdruck darüber.

Das Gewitter donnerte apokalyptisch, im Finale trotzte Nelsons mit Ruhe der leicht ein wenig zähen Hymnik. Den Ruhepunkt der Streicher kurz vor den Schlussakkorden kostete der Dirigent zwar aus. Weil das aber die Ausnahme blieb, wirkte es nicht wie eine übertriebene Romantisierung.

Hohe Kunst der Diskretion

All diese Tugenden spielten der Dirigent und das Orchester zuletzt im “Siegfried-Idyll” von Richard Wagner aus. Auch hier überraschten Nelsons und die Philharmoniker mit einer hohen Kunst der Diskretion. Und auch die etwas seltsame Zusammenstellung klärte sich auf: Beide Werke spielen – auf recht unterschiedliche Art – mit Vogelstimmen.

So schön kann’s nach dem Lockdown gerne weitergehen. Und wenn möglich gerne auch öfter mit Andris Nelsons. Er holt aus den Philharmonikern eine Liebe zum Detail und zur Sanftheit heraus, um die sich andere Dirigenten vergeblich bemühen. Oder sie versuchen es womöglich gar nicht erst.

Livestream am Samstag, 31. Oktober, 19 Uhr, auf den Webseiten mphil.de und br-klassik.de.

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