Andrea Lissoni über ein Jahr im Haus der Kunst: Kosmopolit mit Teamgeist

München – Er trägt Pullover, die so tun, als hätte sie eine liebevolle Nonna, also eine Großmutter gestrickt. Aufs Erste passt das zu Andrea Lissoni, der bei aller Weltläufigkeit und einer konstanten internationalen Karriere genauso die Bodenhaftung schätzt. Die Details seiner Kleidung verraten dann aber doch einen Hang zum Ausgefallenen und die unaufdringliche Handschrift eines Designers.

Erstes Jahr von Lissoni im Haus der Kunst war von anderen geplant

Vielleicht ist es gerade diese Mischung, die dem aktuell schon wieder geschlossenen Haus der Kunst guttut? Mit der Abendzeitung spricht der Künstlerische Direktor über die Neugier der Münchner und die Wahrnehmung von Größe, den Reiz schnell wechselnder Ausstellungen und Sommerferien in Baldham.

AZ: Herr Lissoni, Sie sind jetzt seit einem Jahr in München, aber die Öffentlichkeit hat wenig von Ihnen mitbekommen.
ANDREA LISSONI: Was hätte ich sagen können? Mein erstes Jahr am Haus der Kunst war ja quasi schon von anderen geplant. Natürlich habe ich an der Umsetzung mitgewirkt, aber ich musste diese Institution erst einmal kennenlernen.

Denkbar schlechter Start durch die Corona-Pandemie

Sie hatten durch Corona einen denkbar schlechten Start.
Wir waren vor einem Jahr doch alle paralysiert. Ich glaube, es hat einfach niemanden gebraucht, der sagt, die Zukunft ist grün – und dann wird sie aber pink. Ich habe dieses erste Jahr allerdings genutzt, um so viele Menschen wie möglich zu treffen. Kollegen und Kolleginnen vom Theater, aus der Musikszene, vom Kunstverein, von Stiftungen, aus den Museen, von den Akademien und dazu viele lokale Akteure. Mit Michael Gorman von Biotopia und Börries von Notz von der Stiftung Kunst und Natur hat sich dabei sogar ein gemeinsames Projekt ergeben.

Und wie gefällt Ihnen die Stadt?
München ist schön, gemütlich, stimulierend und was die Kunst betrifft, sehr interessant. Die Stadt macht auf mich überhaupt einen sehr aufgeschlossenen Eindruck, die Menschen setzen sich auch mit dem Unbekannten auseinander. Erst kürzlich habe ich einen Brief zu den Spruchbändern von Mel Bochner bekommen. Da wollte jemand einfach wissen, was diese Worte bedeuten. Wenn jemand nachfragt, ist das doch wunderbar!

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Lissoni über die Kunstszene: “In unserem Bereich wird richtig viel gearbeitet”

Von Ihnen gibt es Bilder, da stehen Sie mit aufgekrempelten Hosen im Eisbach. Steckt dahinter eine Nachricht?
Nein, damit habe ich auch keine Strategie verfolgt. Offizielle Fotos sind für mich nicht interessant. Wir leben in einer wahnsinnig komplizierten Zeit, die Welt hat riesige Probleme. Vielleicht sollten wir einfach zeigen, dass wir ganz normale Menschen sind, die auf dem Boden stehen – oder im Wasser. In den Medien hat man oft den Eindruck, dass die Leute in der Kunstszene mit den tollsten Autos zu den tollsten Künstlern fahren, ein bisschen verhandeln, das war’s. Diese Seite gibt es auch, aber das war nie meine Sache. In unserem Bereich wird richtig viel gearbeitet.

Erinnern Sie sich an Ihren ersten Besuch in München?
Oh ja, ich war vielleicht acht Jahre alt, als meine Eltern mit mir nach München gefahren sind. Für meine Mutter war das Deutsche Museum wichtig, meinen Vater, ein Städteplaner, wollte mir unbedingt das Olympiastadion mit dem Zeltdach und das Olympische Dorf zeigen. Später war ich dann ein paar Mal in den Sommerferien hier. Die beste Freundin meiner Mutter hat in Baldham gelebt, und ich bin einfach mit dem Sohn Jess noch ein, zwei Wochen mit in die Schule. Im Winter sind wir in Südtirol, in der Heimat meiner Mutter, Ski gefahren. Jess Jochimsen ist inzwischen ein bekannter Kabarettist. Es gibt also schöne Verbindungen nach München und zu den Münchnern, und ich bin sehr gerne zurückgekommen.

Münchner Haus der Kunst ist “eine der wichtigsten Kunstinstitutionen der Welt”

Sie haben dafür die renommierte Tate Modern in London verlassen.
Bitte, das Haus der Kunst ist eine der wichtigsten Kunstinstitutionen der Welt. Da muss man nicht überlegen. Ich war aber schon regelmäßig hier, als noch Chris Dercon das Haus geleitet hat. Und bei Okwui Enwezor war ich anfangs sogar in das “Post War”-Projekt eingebunden, das wurde zunächst ja mit der Tate geplant.

Hat der Brexit bei Ihrer Entscheidung nachgeholfen?
Nein. Ich komme allerdings aus der Generation “Erasmus”, Europa ist für mich die Heimat. Es war für uns ganz normal, nach Dublin zu fahren, nach London, da gab es viel neue Kunst, die Musik – und nun dieser Schnitt! Für mich persönlich ist das fürchterlich. Meine Möbel und Bücher sind noch in London. Ich darf gar nicht an den Umzug denken, das dürfte kompliziert werden.

“Für mich ist das Haus der Kunst weder schrecklich noch riesig groß”

In Ihrem Büro haben Sie sich aber schon gut eingerichtet. Wie empfinden Sie das Haus der Kunst mit seiner Monumentalität?
Ich habe am Hangar Bicocca in Mailand gearbeitet, das ist eine riesige alte Fabrik mit 30 Meter hohen Räumen. Dort sind die Kiefer Towers seit 2004 installiert. Dann kam die Tate Modern mit der 40 Meter hohen Turbinenhalle. Kürzlich habe ich das Berghain in Berlin zum ersten Mal bei Tageslicht gesehen. Das sind noch einmal ganz andere Dimensionen, und selbst da fühlen sich die Menschen nicht klein. Nein, für mich ist das Haus der Kunst weder schrecklich noch riesig groß. Abgesehen davon ist diese Empfindung immer relativ, ich habe jahrelang Basketball gespielt. Also was ist hoch? Aber natürlich dürfen wir nicht vergessen, auf wen dieses Gebäude zurückgeht, wie es ursprünglich genutzt wurde.

Wie stehen Sie denn zu den Sanierungsplänen von David Chipperfield?
Er hat doch einen sehr interessanten Vorschlag gemacht. Wenn man sich hier etwas länger aufhält, will man das Haus einfach zum Park hin öffnen. Das drängt sich auf. Chipperfields Pläne sind für mich sehr inspirierend, und ich hoffe, dass wir sie hier irgendwann angehen können. Aber momentan ist das kein Thema.

Lissoni wüncht sich noch keine Sanierung des Hauses

Sie wünschen sich keine Sanierung?
Noch nicht. Ein solches Projekt beansprucht viel Zeit und große Summen. Die sollten wir momentan in die Gesellschaft lenken. Das wäre ohne die Krise vielleicht anders.

Sie sind der erste Museumsdirektor, der sagt, mein Haus kann warten.
Schulen, Krankenhäuser oder Altersheime gehen jetzt vor. Wir haben in München das Lenbachhaus, die Lothringerhalle, die Villa Stuck, den Kunstverein, die Pinakotheken und noch mehr. Alle diese Institutionen befinden sich in einem Veränderungsprozess, und wenn wir wissen, was im Haus der Kunst Sinn macht, kann man sanieren. Zuerst aber sollten wir den Westflügel wieder einbeziehen und das ganze Gebäude bespielen. Nicht alles gleichzeitig, das wäre zu viel. Im Juni öffnen wir zum Beispiel die Mittelhalle mit Jacolby Satterwhite. Wir zeigen übrigens nur die Hälfte des Kunstwerks, die andere folgt im Oktober.

Künftig mehr kleine und kurze Ausstellungen im Haus der Kunst

Was wird sich noch verändern?
In den letzten 20 Jahren hat sich alles um die Logistik gedreht, vom Transport bis zu den Versicherungen. Immer ging es um Ausstellungen über drei, vier Monate und am besten mit einem großen Namen. Ich meine, man kann genauso mehrere sehr unterschiedliche Künstlerinnen und Künstler zu kleineren Ausstellungen einladen. Nur für zwei Tage zum Beispiel. So kommt allein schon viel mehr Diversität ins Spiel, und wir sind flexibler.

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Apropos Diversität. Sie haben den Euward und damit Kunst im Kontext geistiger Behinderung wieder ans Haus geholt.
Die Kunst von Andreas Maus, Felix Brenner und KarHang Mui ist ganz erstaunlich und beeindruckt mich tief. Diese Künstler gehören ins Zentrum unseres Programms.

Wenn die Leinwand zu Ende ist, hört das Werk für Sie noch lange nicht auf.
Mich interessiert, wie etwas entsteht und wie es dann im Raum wirkt. Entscheidend ist doch, woher etwas kommt und wohin es geht.

Kunst und Musik in Verbindung

Aber wie kann man das zeigen?
Die Ausstellung von Franz Erhard Walther ist ein gutes Beispiel. In der Mitte hatten wir eine Bühne, da konnten Sie mit den Kunstwerken interagieren. Es ging um die direkte Begegnung. Bei Michael Armitage haben wir die klassische Einzelausstellung zu einer Gruppenschau erweitert – mit Kunst, die Michael geprägt hat, Arbeiten von Kollegen aus seiner Heimat Kenia, mit einem Video über die Herstellung der Leinwände aus Lubugo. Wenn Sie dieses Umfeld und die Zusammenhänge kennen, sehen Sie Michaels Malerei noch einmal ganz anders.

Und wie kommt Ihr Faible für die Musik ins Spiel?
Musik bildet eine verbindende Klammer und lässt intensive Augenblicke entstehen, in denen das Publikum sich als Gemeinschaft wahrnehmen kann. Deshalb werden wir hier sobald wie möglich auch Musiker und Performer präsentieren. Wir wollen das Haus der Kunst als Haus der Künste verstehen.

Ziel von Lissoni: Kinder zurück in sein Museum holen

Wen möchten Sie mit Ihrem Programm ansprechen?
So viele wie möglich. Und das funktioniert ja. Problematisch ist nur, dass man zurzeit keine Kinder bei uns sieht. Sie zurückzuholen, ist ab September das wichtigste Ziel. Genauso die Schulklassen. Das ist unsere Zukunft, ohne die Kinder sind wir verloren.

Sie haben nicht die Last einer Sammlung, müssen aber ständig etwas Vorzeigbares organisieren.
Am Anfang hatte ich tatsächlich das Gefühl, mir fehlt eine solche Basis. Aber wir haben gerade mit der Sammlung Goetz wunderbare Möglichkeiten. Und ehrlich: Am Haus der Kunst mit diesem historischen Zusammenhang keine Sammlung zu haben, ist sicher ein Segen. Stellen Sie sich vor, was hier gesammelt worden wäre. Hochproblematisch!

Corona wird uns noch eine Weile einschränken. Da bleibt eigentlich nur der öffentliche Raum?
Deshalb haben wir für den Sommer eine Ausstellung auf der Terrasse geplant. Es wird aber keine Objekte geben, sondern eine Mischung aus Musik und Performances.

“Blockbuster- oder Großausstellungen sind plötzlich kein Thema mehr”

Würden Sie mit Ihrem Programm gerne weiter in den Englischen Garten hineingehen?
Daran denkt man unwillkürlich. Vielleicht ergibt sich das mit der Zeit, aber da haben auch noch andere mitzureden.

Wie kann es mit und nach Corona mit der Kunst und den Ausstellungen weitergehen?
Die Institutionen haben sich zum Teil schon verändert, das wird sich fortsetzen. Blockbuster- oder Großausstellungen sind plötzlich kein Thema mehr. Ich frage mich aber, was mit den jungen Künstlern passiert. Sie verlieren jetzt zwei, drei, vier Jahre. Sämtliche Ausstellungen werden geschoben, und sie warten und warten und sind mit 35 vielleicht gar keine Künstler mehr.

Auch in Planung: Projekte, die 24 Stunden dauern

Sie haben im Haus der Kunst sehr viel Platz.
Wir befassen uns eher mit der Frage der Zeit. Neben wohlbekannten Ausstellungsformaten planen wir jetzt etwa Gruppenausstellungen von zwei Wochen Dauer oder dreitägige Solo-Shows: eine Künstlerin oder ein Künstler, eine Chance. Und wir planen außerdem Projekte, die 24 Stunden dauern. Mal sehen, wie das Publikum reagiert.

Das klingt nach einem dichten, flexiblen Programm mit vielen sehr verschiedenen Künstlern. Wo holen Sie sich Energie?
Wenn ich mich mit Menschen treffe. Das fehlt mir gerade sehr. Und ich möchte unbedingt noch Skifahren, auch das geht mir ab.

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